Heft 
(1881) 299
Seite
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

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theilten Wink des Jungen, lagen auch ' wir mit plattgedrückten Nasen an der, Planke.Dat is em! Dat is em!" ging es flüsternd von dem Einen zum An­deren, als endlich die groteske Gestalt, aus einer riesigen Meerschaumpseife rau­chend, unter dröhnendem Räuspern aus dem Gartensteige dahergewatschelt kam und sich dann in einer offenen Laube in einen kräftig gezimmerten Lehnsessel sinken ließ. Als er den verlorenen Athem wiedergewonnen hatte, blickte er mit einer herablassenden Miene um sich und räus­perte sich dann noch einmal, daß es weit über die Nachbargärten hinscholl. Dies­mal aber war es unverkennbar ein demonstratives Räuspern:Ihr kleinen Leute, wisset es alle, der Herr Etatsrath wird jetzt seine Gartenruhe halten!" Dann suchte er seinen dicken Kopf zwischen den Schultern aufzurichten und rief ein paar Mal hinter einander:Käfer Käfer!"

Es war kein Jnsect, das auf diesen Ruf erschien, sondern ein etwa achtzehn­jähriger Bursche, der als Schreiber und Bedienter in einer Person bei ihm be­schäftigt wurde. Vom Hause her brachte er erst einen kleinen Tisch, dann einen Schemel, einen Tabakskasten, eine Zeitung und zuletzt auf einem Präsentirbrettchen ein großes Kelchglas, aus dem ein starker Dampf emporstieg. Der Bursche mit sei­nem zarten, blassen Gesicht und den weichgelockten braunen Haaren sah keines­wegs so übel aus; aber die Art, womit er alle diese Dinge schob und rückte und dem Herrn Etatsrath handgerecht zu machen wußte, war von einer so glatten Beflissenheit und doch wiederum so un­verkennbar von verstohlenem Trotz be­gleitet, daß ich schon damals einen mir sehr bewußten Widerwillen gegen diesen Käser faßte. Mir sind im späteren Leben ähnliche Gesichter begegnet, welche, ohne daß etwas Besonderes von ihnen ausge­gangen wäre, meine flache Hand ins Zucken !

brachten und mir dadurch über meine derzeitigen Gefühle und Wünsche in Be­treff jenes schmucken Gesellen zur völligen Klarheit halfen.

Wie lange übrigens damals der Herr Etatsrath in seinem Gartensessel ruhte und wie oft der dampfende Kelch geleert wurde, vermag ich nicht zu sagen; jeden­falls hörten wir noch mehrere Male das:Käser Käfer!" und sahen den geschmeidigen Burschen mit einer neuen Füllung aus dem Hause kommen.

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Ob der Herr Etatsrath, welcher eine höhere Stelle in dem Wasserbauwesen unseres Landes bekleidete, wirklich mit so viel Verstand und Kenntnissen ausge­stattet war, wie man dies von ihm be­hauptete, oder ob diese Behauptung nur aus einem unwillkürlichen Drange her­vorgegangen war sei es, die breiten Schatten dieser Persönlichkeit durch eine Zuthat von Licht zu mildern oder aber dieselben noch etwas kräftiger heraus­zuarbeiten, darüber vermag ich nicht zu urtheilen. Wenigstens scheint es, daß es ihm an jenem Dritten, wodurch alle anderen geistigen Eigenschaften erst für die thatsächliche Anwendung flüssig wer­den, ich meine, daß es an Phantasie ihm nicht gebrochen habe; aber wo er sie außerhalb seines Faches anwandte. Pflegte sie eben nicht mit Dingen beschäftigt zu sein, welche anderer Menschen Herz er­freuen.

So befand sich in seinem, übrigens mit dem kärglichsten Geräthe ausgestatte­ten Gartensaale ein sehr hoher Schrank in Gestalt eines Altars, welchen er genau nach eigenen Zeichnungen hatte anfertigeu lassen. Am Fußende des schwarzen Kreu­zes, welches durch die Thürleisten ge­bildet wurde, lagen die Symbole des i Todes: Schädel und Beinknochen, in