Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
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theilten Wink des Jungen, lagen auch ' wir mit plattgedrückten Nasen an der, Planke. „Dat is em! Dat is em!" ging es flüsternd von dem Einen zum Anderen, als endlich die groteske Gestalt, aus einer riesigen Meerschaumpseife rauchend, unter dröhnendem Räuspern aus dem Gartensteige dahergewatschelt kam und sich dann in einer offenen Laube in einen kräftig gezimmerten Lehnsessel sinken ließ. Als er den verlorenen Athem wiedergewonnen hatte, blickte er mit einer herablassenden Miene um sich und räusperte sich dann noch einmal, daß es weit über die Nachbargärten hinscholl. Diesmal aber war es unverkennbar ein demonstratives Räuspern: „Ihr kleinen Leute, wisset es alle, der Herr Etatsrath wird jetzt seine Gartenruhe halten!" Dann suchte er seinen dicken Kopf zwischen den Schultern aufzurichten und rief ein paar Mal hinter einander: „Käfer — Käfer!"
Es war kein Jnsect, das auf diesen Ruf erschien, sondern ein etwa achtzehnjähriger Bursche, der als Schreiber und Bedienter in einer Person bei ihm beschäftigt wurde. Vom Hause her brachte er erst einen kleinen Tisch, dann einen Schemel, einen Tabakskasten, eine Zeitung und zuletzt auf einem Präsentirbrettchen ein großes Kelchglas, aus dem ein starker Dampf emporstieg. Der Bursche mit seinem zarten, blassen Gesicht und den weichgelockten braunen Haaren sah keineswegs so übel aus; aber die Art, womit er alle diese Dinge schob und rückte und dem Herrn Etatsrath handgerecht zu machen wußte, war von einer so glatten Beflissenheit und doch wiederum so unverkennbar von verstohlenem Trotz begleitet, daß ich schon damals einen mir sehr bewußten Widerwillen gegen diesen Käser faßte. Mir sind im späteren Leben ähnliche Gesichter begegnet, welche, ohne daß etwas Besonderes von ihnen ausgegangen wäre, meine flache Hand ins Zucken !
brachten und mir dadurch über meine derzeitigen Gefühle und Wünsche in Betreff jenes schmucken Gesellen zur völligen Klarheit halfen.
Wie lange übrigens damals der Herr Etatsrath in seinem Gartensessel ruhte und wie oft der dampfende Kelch geleert wurde, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls hörten wir noch mehrere Male das: „Käser — Käfer!" und sahen den geschmeidigen Burschen mit einer neuen Füllung aus dem Hause kommen.
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Ob der Herr Etatsrath, welcher eine höhere Stelle in dem Wasserbauwesen unseres Landes bekleidete, wirklich mit so viel Verstand und Kenntnissen ausgestattet war, wie man dies von ihm behauptete, oder ob diese Behauptung nur aus einem unwillkürlichen Drange hervorgegangen war sei es, die breiten Schatten dieser Persönlichkeit durch eine Zuthat von Licht zu mildern oder aber dieselben noch etwas kräftiger herauszuarbeiten, darüber vermag ich nicht zu urtheilen. Wenigstens scheint es, daß es ihm an jenem Dritten, wodurch alle anderen geistigen Eigenschaften erst für die thatsächliche Anwendung flüssig werden, ich meine, daß es an Phantasie ihm nicht gebrochen habe; aber wo er sie außerhalb seines Faches anwandte. Pflegte sie eben nicht mit Dingen beschäftigt zu sein, welche anderer Menschen Herz erfreuen.
So befand sich in seinem, übrigens mit dem kärglichsten Geräthe ausgestatteten Gartensaale ein sehr hoher Schrank in Gestalt eines Altars, welchen er genau nach eigenen Zeichnungen hatte anfertigeu lassen. Am Fußende des schwarzen Kreuzes, welches durch die Thürleisten gebildet wurde, lagen die Symbole des i Todes: Schädel und Beinknochen, in