Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
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alte OsIkbsi-rimuZ in Schlafrock und Pantoffeln! Wahrhaft rührend, ganz erhebend! Aber," fuhr er fort, indem er sich zum Fenster wandte, „dein Spiegel hängt auch ganz verteufelt hoch!" Und damit nahm er mir mein dickes schweinsledernes 60I-PU8 ^ui'i '8 vor der Nase fort und legte es als Schemel auf den Fußboden; nachdem er also feiner Kürze nachgeholfen, betrachtete er sich in der fleckigen Spiegelscheibe mit augenscheinlichem Behagen. „Student!" sagte er noch einmal. „Meinst du nicht auch, der Schnurrbart ist in den kurzen acht Tagen doch schon hübsch gewachsen! Vivat der Alte! Weißt du, wir wollen heute Abend seine Gesundheit trinken; ich werde sehr guten Stoff besorgen. Nicht so, du willst doch? Der Alte hat es in der That verdient!"
„Freilich will ich, Archimedes," erwiderte ich; „sage nur auch die Anderen an, alles Uebrige werde ich besorgen."
„Trefflich, trefflich!" rief Archimedes. „Aber hier hast du dein aoi-pu.? juiü 8 wieder; ich muß zunächst nun meine ma- tbsmatwa belegen; denn, lieber Freund, es soll höllisch jetzt geochst werden!"
Wie tanzend schritt er nach der Thür, nachdem er mir ein Paar Mal muthig zugenickt hatte; plötzlich aber hielt er inne. „Weiß der Henker," sagte er; „ich muß immer wieder an diesen Schuft, den Küfer, denken! Er ist nicht mal ein ordentlicher Käfer, höchstens ein Jnsect der siebenten Ordnung, so eine Schnabelkerse oder dergleichen etwas!"
Meine Gedanken waren schon wieder bei den Correalobligationen. „Was kümmert dich der Bursche," sagte ich obenhin; „der ist ja weit von hier!"
„Freilich, freilich," erwiderte Archimedes, indem er aus der Thür ging; „wir wollen die Naturgeschichte ruhen lassen."-
Die kleine Kneiperei ging dann auch am Abend zur Herzensberuhigung unseres
Freundes in bester Heiterkeit von Statten; als wir aber feierlich die Gesundheit feines Alten tranken, flüsterte er mir ganz ergrimmt ins Ohr: „Und daß er bald der Schnabelkerfe einen Fußtritt gebe!" dann stürzte er fein volles Glas herunter.
Es ist mir später klar geworden, daß in Betreff jenes Menschen eine unbestimmte Furcht in seiner Seele lag, die er selber freilich nicht mehr bestätigt sehen sollte. Im weiteren Verlaufe des Semesters erwähnte er desselben nicht wieder; seine Arbeiten mochten diese Dinge bei ihm zurückgedrängt haben; denn seiner Ankündigung gemäß betrieb er diese vom Morgenroth bis in die Mitternacht hinein.
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Bei Beginn der Herbstferien reiste Archimedes nach Hause, weil mit dem Semester auch seine dafür berechnete Kasse ihr Ende erreicht hatte; ich blieb noch, um unter Benutzung der Universitätsbibliothek eine bestimmte Materie durchzuarbeiten. Erst kurz vor dem Wiederbeginn der Collegien folgte auch ich; ich wollte doch ein paar Tage mit den Meinen verleben.
Archimedes fand ich besonders heiter und in großer Regsamkeit. „Du kommst verteufelt spät, lieber Freund!" rief er mir entgegen; „aber der Alte ist splendid gewesen, ich reise wieder mit euch! Uebri- gens..." Und nun erfuhr ich, daß am letzten Tage noch ein Ball stattfinden solle, den ich nicht versäumen dürfe; feine kleine Phia würde auch erscheinen.
Dann schwieg er eine Weile und sah mit seinem kindlichen Lächeln zu mir auf. „Weißt du, lieber Freund," begann er wieder, „ich habe dabei ans dich gerechnet! Sie hat noch keinen Ball besucht; sie hat daher nicht so ihre gewohnten Tänzer wie die Anderen; nicht wahr, du hilfst mir, sie gleich ein wenig mit hineinzubringen?"