Heft 
(1880) 37
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Alfred Meißner in Bregenz.

Periode der Flegeljahre, die Zeit, da der Kopf tausenderlei Gedanken über Lectüre, Umgang, Gesellschaft nachhing, während sich die Aufmerksamkeit auf die mit algebraischen Buchstaben beschriebene Tafel richten sollte; die Zeit, da die Reitschule schließlich zu manchem Malheur zwischen Hecken und Gräben führte, die Tanzstunde die ersten schuldlosen Mädchenbekanntschasten vermittelte. Noch immer hatte mir das Leben nichts Absonderliches gebracht. Jst's nicht blos einfach natürlich, daß sich in der Seele des jungen Menschen ein Gedankengewimmel regt, hier Lichter aufgehen, dort Schatten einfallen, Be­zauberung durch Poesie, Entzauberung durchs Leben miteinander abwechseln? Der Kopf wagt sich an philosophische Fragen, die Phantasie baut Luftschlösser, deren Thurmspitzen bis an den Himmel gehen, die Debatte des nächsten Tages, ein überlegenes Wort, gehört, oder in einem Buche gefunden, wirst sie alle über den Haufen. Dann Zweifel, Zerfall, Pessimismus: die Welt liegt im Argen! Es hat nichts zu bedeuten, die junge Seele kommt schon wieder ins Gleichgewicht . . . Und weiter geht es, weiter durch Sommer und Winter, Sonnenschein und Dunkel, bis ein Ruck sich fühlbar macht. Was islls? Eine Kleinigkeit. Die Parze, die am Rocken des Lebens jedes Einzelnen spinnt, hat etwas neues Werg hineingemischt ....

Und von da an wird das ganze Leben ein anderes.

Ich war zwanzig Jahre geworden und studirte Jura. Inmitten eines fremden slavischen Elements pflegten wir recht und treu deutsches akademisches Leben. Ach, der glücklichen Zeit, wo das fröhliche Herz meint, dem Studenten gehöre die Welt! Wir hatten Freude an unseren Liedern und an unseren Schlägern, pflogen unverbrüchliche Treue, hielten Begeisterung für deutsches Wesen hoch. Wenn etwas derber und roher Spaß mit unterlief, es hatte nichts zu sagen. Wir waren treue, biedere junge Leute, gesund an Leib und Seele und das dreifarbige Band hielt uns fest zusammen.

Dem weiblichen Geschlechts war ich bisher so gut als fern geblieben, da schlug eine Phantasieliebe mir in's Herz hinein. Seit ich im Theater Fräulein Sophie Wallberg gesehen, hielt ich mich für sterblich in sie verliebt. Ich wollte aber auch Dichter sein. Das erschien mir als das Höchste. Ich fing mit Leidenschaft an, Trauerspiele zu schreiben. Sophie Wallberg war eine sehr reife majestätische Jungfrau, welche mit Vorliebe in Gastrollen wie Judith, Medea, Phädra, Brunhild, gelegentlich auch als Lady Milsord, austrat. Ihr Kops, die Büste nach der Antike' geformt, die Augen, die jetzt glühende Leidenschaft, jetzt hohe Schwärmerei ausstrahlten, hatten es mir angethan. Ich ging stundenlang vor dem Gasthofe, in dem sie wohnte, aus und nieder und sandte ihr natürlich anonym ein Dutzend feuriger, himmelhoch gehender Sonette zu. Ich wollte nur solche Stücke schreiben, in denen sie eine Rolle fände, antike, hochpathetische. Als sie abreiste, war ich unglück­lich, aber sie stand vor meiner Phantasie als meine tragische Muse. In meinem großen DramaArethusa" hatte ich, wie ich meinte, die Hauptfigur ganz nach ihren Zügen geschaffen.