Heft 
(1880) 37
Seite
7
Einzelbild herunterladen

Toni.

7

Längst war meine Ungeduld groß, nebst der Stadt, aus der ich bisher nicht gekommen, noch ein weiteres Stück der Welt kennen zu lernen. Meine Mutter erlaubte mir, ihre jüngere Schwester zu besuchen, die über Sommer in einem der großen böhmischen Badeorte lebte. Das waren meine ersten außer dem Hause verlebten Ferien. Die Stadt in der anmuthigen Thal- senknng zwischen dem grünen Erz- und Mittelgebirge gefiel mir ungemein, In der Nähe waren historische Stätten, entscheidungsvolle Schlachtfelder, merkwürdige, durch abenteuerliche Persönlichkeiten berühmt gewordene Schlösser; romantische Ritterburgen lagen inmitten großer Waldungen, sagenreiche Wall­fahrtsorte standen auf den Höhen sie waren die Zielpunkte meiner weiteren Ausflüge. Blieb mau im Orte selbst, so bot der herrliche Park mit seinen Jahrhunderte alten Alleen, seinen mächtigen Baumgruppen, die sich in stillen Teichen spiegelten, Gelegenheit genug zu träumerischen Spaziergängen. Man konnte im Grünen sitzen und lesen, konnte gelegentlich die Schwäne füttern, konnte die Rehe rudelweis aus dem thaugrünen Dickicht treten sehen. Riefen dann die Klänge des Brunnenorchesters znm Versammlungsplatz, so war man rasch wieder im buntesten Menschengewühls, in welchem es an glänzenden Franenerscheinungen und allerlei die Aufmerksamkeit herausfordernden Persönlich­keiten nicht fehlte. DieSaison" war eben auf ihrem Höhepunkt angelangt; ich bewegte mich in einen: neuen, mich höchlich anmuthenden Kreise. . . .

Ich dünkte mich meinestheils nichts anderes, als ein Mann. Meine Tante, eine jugendliche Wittwe und nicht frei von harmloser Koketterie, schien meine hoch aufgeschossene Gestalt nicht ohne Vergnügen zu bemerken; an ihrer Seite herwandelnd, ihren Shawl über dein Arm, sah ich einem jugendlichen Verehrer gleich, und das war ihr lieb; sie war klein und nicht eben hübsch, hatte nie Verehrer gehabt. Im Uebrigen war sie der Ansicht, daß es mir an Weltgeläufigkeit und am rechten Benehmen mit Damen noch gar sehr fehle. Sie wünschte, daß ich mich abschleife, und wollte mir dazu behilflich sein.

Im ersten Stockwerk unseres Hauses wohnte Graf Greifenklau (Erlaucht) mit seiner Gemahlin. Er war ein schlanker, hagerer, sehr aufrecht gehender Herr mit glänzend schwarzem Backenbart, lachendem Munde, herrlichen Zähnen, immer jugendlich gekleidet. Dennoch hatte man das Gefühl, daß dieser junge Mann schon alt sei. Das war er in der That, er hatte bereits unter Metternich als Diplomat an italienischen Fürstenhöfen gedient. Seine Gemahlin war eine hohe Frau von gewaltigen Formen, mit großen leuchtenden Augen, für welche das berühmte homerische Beiwort in Anwendung gebracht werden konnte. Eine Frau, die, wenn das Werk der Toilette an ihr beendigt war, wie die königliche Juno im Pfauengespann daherkam. Nie noch hatte ich eine solche Fülle goldblonden Haares über einen üppigeren Nacken herab­fließen sehen. Im Scheine ihrer Gegenwart erblaßte die Jugendlichkeit ihres Gemahls wie eine von der Sonne beschienene Theatermalerei.

Die stolze Schöne war schon mehrmals an mir vorübergerauscht; ich