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Alfred Meißner in Bregenz.
hatte jedesmal scheu die Augen niedergeschlagen. Aber wie wird mir, als ich einmal knapp an ihr vorüberkomme — ich erkenne in ihr Sophie
Wallberg, die von mir so viel bewunderte! Aber wer erkennt auch sofort
Judith, Medea, mit moderner Toilette angethan? Ich erkundige mich — alles ist richtig. Sie ist erst seit einem halben Jahre Gräfin Greifenklau.
Und nun muß ich ihr näherrücken um jeden Preis! Ich lasse nicht nach, bis meine Tante Annährungsversuche macht. Diese finden das freundlichste Entgegenkommen.
Eines Tages sollte eine Landpartie nach Kranberg, einem malerisch
gelegenen Bergstädtchen der Umgegend, unternommen werden. Eine zahlreiche Gesellschaft gruppirte sich um das gräfliche Paar, Medea insbesondere war von Anbetern umlagert. Mir Armen, schien nur Fidele bleiben zu sollen — das war der wunderliche Name der Gesellschafterin, der ehemaligen Zofe der Gräfin. Fidele war ein lustiges aufgewecktes Mädchen, mit mir etwa in gleichem Alter, dem das hochrothe Haar vortrefflich stand. Ein allerliebstes Kind, aber ich achtete ihrer kaum. Meine Blicke weilten auf der tragischen Heroine von ehedem, der ich mehr Verehrung zollte, als einer Königin.
Am Fuße des Berges, von dessen Gipfel die Trümmer zweier alten Burgen herabschauen, hatten wir den Wagen verlassen, um zu Fuß im Schatten der breitkronigen Ahorne hinanzusteigen. Die Gräfin, deren wohlwollender Blick einen Moment lang auf mir geweilt, wandte sich an mich.
„Ich höre mit Vergnügen", sagte sie, „daß Sie sich dichterisch versuchen. „Werden Sie mir davon etwas mittheilen?"
Ich erwiderte, vor Freude über solche Annäherung ganz aufglühend, daß ich es mir zur hohen Ehre schätzen würde, mein Trauerspiel „Arethusa" vorlegen zu dürfen.
„Arethusa!" rief sie. „Ach, der Name schon ist so poetisch und verspricht das Schönste! Arethusa. Wohl eine griechische Königin?"
„Doch nicht, der Stoff gehört der Mythologie an".
„Gleichviel. Schon der Name wird Ihnen Glück bringen. Ach, wie verstehe ich den Zug, der ein junges Gemüth zum Drama fortreißt. Das Theater ist ja das höchste, das potenzirte Leben. Wie glücklich war ich, als ich ganz der Kunst leben durfte! Die Lampen zu unseren Füßen — vor uns ein Publikum, das an unseren Lippen hängt — nein es geht nichts darüber! Der abscheuliche Mann dort" — sie wies mit dem Sonnenschirm auf den Grasen — „wird nie begreifen, welches Opfer ich ihm gebracht".
„Wir", meinte ich „müßten das Opfer am meisten beklagen. Wer so durch Erscheinung und Naturell zur Darstellung von Heroinen berufen, sollte den Brettern nie entsagen".
„Mindestens später als ich es gethan" — setzte sie in sinnender Träumerei hinzu.
Fidele, die uns gefolgt war, schien uns beide zu verspotten. Ich schaute zufällig zurück und überraschte sie, als sie eine unendlich komische Fratze schnitt.