- Toni. - 9
„Gnädige Gräfin", sagte ich, „es bleibt Ihnen der Genuß an den Leistungen Anderer".
„Ein ärmlicher Trost!" war die Anwort. „Selbst muß man wirken, selbst den Kranz für seine Leistungen ernten. Auf die Gefahr hin, Ihnen als eine schreckliche Egoistin zu erscheinen, gestehe ich: ich mag Andere gar nicht ansehen, vollends in Rollen, die ich einst gespielt. Kaum jemals besuche ich das Schauspiel — höchstens die Oper —"
„Es wird Ihnen eben schwer Jemand zu Danke spielen — keine andere Künstlerin Ihre Absichten treffen".
In der Mitte dieses Geplauders, — wir hatten ein von einzelnen großen Bäumen bestandenes Hochplateau erreicht — schlug ein lautes Hundegebell und gleichzeitig der Aufschrei einer Hellen Mädchenstimme an unser Ohr. Ich meinte, es müsse ein Unglück geschehen sein.
Es war minder groß, als ich gefürchtet. Als wir um eine Wendung des von Heckengebüsch umsüumten Pfades gekommen, sahen wir es mit einem Blicke. Neptun, der große schwarze Neusoundländer der Gräfin, worüber ein zahmes Reh hergefallen, und stand nun mit bluttriefender Schnauze da. Das Thier, noch ganz jung, mit dem graziösesten Köpfchen, lag zuckend am Boden, das Blut troff aus der Halswunde und färbte das Gras. Ein Mädchen — halb noch ein Kind — war rasch herbeigelaufen, ein Stöckchen in der Hand, furchtlos vor dem Thäter — zwischen zwei Empfindungen getheilt: den Mord zu rächen und ihn zu betrauern.
Noch sehe ich den Platz vor mir. Ein Raum, von einem Rasenabhang umgrenzt, war von großen Buchen aufs Lieblichste beschattet. Ein Ziehbrunnen, von Farrenkraut und Kresse umwuchert, war in der Mitte, dort lag ein alter Kübel umgestürzt, dort war das Unglück geschehen.
Das Mädchen selbst war ein Wunder von Lieblichkeit. Es zählte kaum sechszehn Jahre. Die großen braunen Augen standen voll Thräneu, das Gesicht mit den kindlichen Zügen war noch vom Ausdruck des erlebten Schreckens starr. Die Kleine war in der Tracht der Gegend, ärmlich, aber reinlich, gekleidet, in einen: dunklen Mieder, einem roth und schwarz gestreiften Röckchen. Das blonde Haar hing in langen Strähnen herab über die noch magern Schultern. Unser:: — auf dem Grase neben einem großen Steine — lag ein Klöppelkissen — sie hatte in: Schatten der Bäume bei ihrer Arbeit gesessen, als sich das Unglück zutrug.
Die Gesellschaft war stehen geblieben und betrachtete den Todeskampf des Thieres, während das Mädchen vergebliche Versuche machte, das vorschießende Blut zu dämmen. Das Thier richtete mehrmals das Köpfchen mit den zierlichen schwarzen Hörnchen empor, sanft und traurig blickten die schönen braunen Augen die Herrin an. Immer wieder wollte es sich aus die zarten Füßchen stellen, wieder brach es zusammen.
Wedelnd, daß man ihm den Jrrthum verzeihe und ihm die Strafe