Heft 
(1880) 37
Seite
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s6 -. Alfred Meißner in Bregenz. -

Augen, das burleske Mienenspiel alles an ihr war bizarr, grotesk, barock- aber auch alles verführerisch. Wie stand ich zu ihr? Offenbar hatte sie uns den Grafen über den Hals geschickt, nachdem sie zuvor ihren Verdruß auf jede mögliche Weise an den Tag gelegt. Welchen Schluß durfte ich aus diesen Prämissen ziehen? Daß sie eifersüchtig war und somit eine Neigung für mich habe?

Das alles ging mir gar sehr im Kopf herum.

Nach dreistündigem Marsch war ich bei den ersten zerstreut auseinander- liegenden Häusern des Bergstädtchens angelangt. Als ich auf das Plätzchen kam, wo Neptun gestern das zahme Reh überfallen hatte, stand das Bild davon mir wieder vor Augen. Da war der mit einer Hecke überwachsene Erdwall, da die breitgewipfelte Eiche, da der Ziehbrunnen nur das Mädchen fehlte.

Ich hätte es gar zu gern wiedergesehen.

Wieder lockte es mich seitwärts mud ab vom Wege. Von einem mächtigen Hügel, der wie ein Vorwerk in die anderen Gründe hineiuragtc, schaute mir ein uraltes, fast ganz verfallenes Gemäuer entgegen, nur stellen­weise durch die Tannen, die den Bergeshang umkleideten, sichtbar. Ich wollte es in der Nähe betrachten, und stieg hinan. Die kleinen schmalen Felder, die hier der Landmann noch hatte, waren mit Steinmauern eingefriedet. Das Geröll der alten Burg hatte das Material dazu 'geliefert, lauter große, runde, mit rothen und gelben Flechten überzogene Blöcke. Ich überstieg und umging mehrere. Nun hatte ich einen alten Söller vor mir. Zu seinen Füßen, nicht allzu tief, zog sich, einen rechten Winkel bildend, eine niedere, fast ganz zerstörte, theilweise durchbrochene Wallmauer hin. In ihren Spalten waren alte Hollunderbäume emporgewachsen, Hagerosen und Weiß­dorn standen in Gruppen beisammen, hohe Farrenkräuter, Blumensterne aller Art leuchteten mir entgegen. Ueber herabgerollte Blöcke und Bruchsteine stieg ich auswärts. Epheu, zu dicken Stämmen herangewachsen, umkleidete den Söller von allen Seiten. Seine saftig grünen Blätter bildeten eine feste, undurchdringliche Decke. Ich hatte eine alte Fensterbrüstung vor mir, und schwang mich zu ihr hinan. Der herabgesallene Kies, das Moos, die seinen, eben blühenden Gräser hatten für mich ein nicht gar zu hartes Bett bereitet; ich streckte mich nieder. Der Dust des Thymians, der Hagroseu, war köst­lich. Kleine Heuschrecken schwirrten, alles schwelgte und lebte in der Sommer- gluth. Ich sog das alles in mich mit Aug' und Ohr, darüber bin ich, da der Tag sehr heiß war, eingeschlafen.

Was mich aus meinem Halbschlummer aufweckte, waren die ureinfacheu Töne einer Mundharmonica. Sie kamen aus der Tiefe .... Ich blicke hinter meiner Epheugardine hervor und habe ein Bild vor mir, das ich nie vergesse. Unten, auf der zerstörten alten Mauer, läuft ein Mädchen, ein Dorfkind, dessen Gesicht ich von meinem Standpunkt aus nicht zu sehen be­kommen, hin und her und treibt ihr Spiel mit einem Paar brauner Eidechsen,