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Alfred Meißner in Bregenz,
„Und was wünschen Sie? Womit können wir dienen?" fragte die
Frau.
„Ich komme in der Angelegenheit meiner Tante, Frau Binder".
„Da weiß ich Alles", sagte die Frau mit finster niedergeschlagenen Augen. „Wir haben da — in diesem Falle — nicht recht gehandelt. Wir hätten schreiben und der Dame unsere Lage vorstellen sollen . . . Früher oder später mußte es kommen, wie es setzt kommen wird . . .
„Es wird nicht so arg sein", sagte ich, die ungewöhnliche Wirkung bemerkend, die der Name hervorgebracht.
„Doch, doch!" sagte die Frau. „Darlehn ist Darlehn, Schuld ist Schuld. Der verstorbene Rath Binder hat meinem Manne aufhelfen wollen. Ich bin eine ehrliche Frau und weiß, was Verpflichtungen sind — aber wenn ein Unglück nach dem andern kommt —- eine Wittwe allein — wieder kam ein Termin und wieder einer — und der Zins war nicht beisammen — und die Arbeit geht nicht — man schämt sich zu bitten, aber es ist nicht recht . . . ."
„Ich komme auch nicht als harter Mahner oder Gerichtsvollstrecker" erwiderte ich. „Meine Tante ist gut, hätten Sie ihr ein paar Worte geschrieben" —
„Ja, das ist's, ich hätte schreiben sollen", sagte die Frau eifrig. „Habe mir's immer wieder gesagt. Aber der verdammte Stolz —- wenn man vom Wohlwollen der Menschen so wenig gemerkt hat, fällt es so schwer daran zu appelliren —- nnd mit der Feder ist unsereins gar so ungeschickt. Die Toni da hätte es freilich besser machen können, als ich. Die gnädige Frau ist wohl jetzt gegen uns recht aufgebracht? Ach, wenn sie uns das Häuschen wegnähme — sie wäre im Rechte — was wollten wir nur anfangen? Toni, Toni, Du weißt am besten, wie viel schlaflose Nächte ich der Sache wegen schon gehabt habe!"
Tonis schöne braune Augen richteten sich groß, wie um Vermittlung flehend, auf mich.
„Sie nehmen es zu ernst, die Sache ist nicht so arg", sagte ich lächelnd.
„Doch", erwiderte die Frau, „für uns ist die Summe schrecklich groß. Achthundert Gulden und die seit Jahren ausgewachsenen Zinsen! Wenn man uns Haus und Habe verkauft, wird kaum so viel gelöst. Reden Sie! Nicht wahr, Ihre Tante will nicht mehr warten?"
Ach, was hätte ich nicht alles zum Tröste gesagt und zugesagt, während Toni, die sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, den Kopf auf die Hand gestützt, mich schwermüthig ansah. „Legen Sie doch ein freundliches Fürwort ein — Sie thun damit eiu gutes Werk!" sagten diese Augen. Noch lebt der Moment in unverwischlicher Stärke in meiner Erinnerung.
„Besorgen Sie nichts Schlimmes!" rief ich. „So lange ich da bin, darf Ihnen gar nichts geschehen. Haben Sie auch der Geschichte wegen keine