Heft 
(1880) 37
Seite
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Ja, wer sich durch Versprechungen vertrösten ließe!" war das letzte Wort meiner Tante und ich blieb im Ungewissen, was sie unternehmen werde.

Unmittelbar darauf gelang es mir eine namhafte Summe zusammenzu­bringen, theils durch Hergabe meines Taschengeldes, theils durch den Verkauf einiger Goldsachen. Ich legte das Geld, als käme es von der Wittwe, zusammen, um es am nächsten Tag meiner Tante zu überbringen, und eilte wieder nach Kranberg, den Leuten zu sagen, daß sie jetzt Nichts mehr zu befürchten hätten.

Ich sah Toni wieder. O, sie war schön! Noch heute, nach Jahren, denke ich mit zitternder Bewegung daran, wie sie mir an diesem Morgen erschien. Nicht eben groß für ihr Alter, war sie so schlank und zart gebaut, wie man sich vielleicht eine Melusine, eine Mignon denkt. Ihr Gesicht war nicht voll, doch von so sanften, edlen Linien wie das herrlichste Köpfchen einer antiken Gemme. Ihre Wangen, von zarter durchsichtiger Blässe, hatten sich geröthet, als ich eintrat. Ihre Angen, vom schönsten Braun, richteten sich so freundlich auf mich, wie auf den Helfer in der Noth. O dieser Glanz, der mit unbeschreiblicher Gewalt in's tiefste Gemüth drang! Oft, immer wieder denke ich dieses wunderbaren Glanzes und frage mich, aus welchen Tiefen der Seele er stammte?

Die Mutter, welche mich das erstemal so wenig entgegenkommend ausgenommen hatte, war diesmal freundlicher. Das Wohlwollen, das ich für sie empfand und an dem sie nicht zweifeln konnte, stimmte sie um und nahm ihr etwas von ihrer sonstigen Herbheit. Sie ließ sich über ihre häus­liche Lage aus, sie öffnete den Kasten und ließ mich die Sachen sehen, die sie mit ihrer Tochter verfertigte und den Spitzenhändlern im Badeorte ablieserte. Ich erfuhr auch, daß Toni einen Bruder habe.

Er ist fast in gleichem Alter mit Ihnen", sagte die Frau.Seit fünf Jahren arbeitet er schon in einer großen Fabrik und hat eine gute Stellung für seine Jahre. Er ist talentvoll und voll Anlagen wenn er nur zufrieden wäre! Wie er ist, kann er nur unglücklich werden ... So großer Ehrgeiz thut nicht gut, wenn man arm geboren ist ..."

Es schien mehr hinter diesen Andeutungen zu liegen, doch ich enthielt mich des Fragens.

Toni mischte dann und wann eine Bemerkung ein. Alles einfach und doch so klug! Die sanften Augen blickten mit durchdringender Klarheit in die Welt, der schöne Mund, der niemals Jemanden Uebles nachgeredet, sprach ohne Bitterkeit über die Menschen, von denen sie doch noch so wenig Gutes erfahren. Sie erschien zugleich stolz und bescheiden und hatte dabei die Züge eiuer Grazie . . . Ein ruhiger Ernst war der Grundzug ihres Wesens. Immer wieder mußte es sich mir ausdrängen, was aus dieser reichbegabten Natur hätte werden können, wenn ihr das Schicksal eine andere Stellung, andere Erziehung hätte zu Theil werden lassen. Wie es jeüt war,