Heft 
(1880) 37
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Alfred Meißner in Bregenz.

konnte sich ihre Auffassungsgabe nur auf den engen Kreis dörflicher An­schauungen beschränken, den kaum etwas außerhalb Liegendes durchbrochen hatte. Und doch hatte innerhalb dieser Umzäunung das Leben sie gereift.

An diesem Tage kam ich wie bezaubert nach Hause zurück. Die Gräfin und Fidele hatte ich vergessen; nur Toni, Toni allein war für mich auf der Welt.Zwanzig Jahr!" Das Herz ist so voll, die Lenzsoune hat es geschwellt und geschwellt, daß der Inhalt die Hülle zu durchbrechen droht. Da springt demnächst die Knospe wie mit einem Schlage.

Mit voller Ruhe brachte ich meine lange meditirte Nothlüge vor und überreichte meiner Tante mein gesammtes Geld alserste Ratenzahlung der Frau Erhardt", mir soeben in Kranberg übergeben.

Meine Tante sah es an, fand die Summe zu gering und erwiderte, daß sie bereits mit einem Advocaten gesprochen, der demnächst die Klage gegen Magdalena Erhardt, Wittwe des Tobias Erhardt, wohnhaft in Kranberg, wegen Rückzahlung eines Capitals und seit langer Zeit ausständiger Zinsen einbringen werde.

Eine Nacht verging mir in Folge davon schlaflos, dann beschloß ich unter einem Vorwand nach Hause zu fliegen. Ich hatte bereits durch Mittheilungen von Geldleuten erfahren, welche jungen Leuten eine theure Hilfe zuzuwenden gewohnt seien und gedachte einen derselben aufzusuchen, um der Familie Erhardt gründlich und für immer zu helfen.

An diesem Tage ging ich wieder nach Kranberg, brachte es aber nicht über mich, in das Häuschen einzutreten. Angesichts der Schritte, die meine Tante vorhatte, wagte ich gar nicht der Frau Erhardt entgegenzutreten. Ich hielt mich in einem Birkenwäldchen versteckt, aus dem heraus ich das Häuschen in Sicht behalten konnte. Schon senkte sich die Sonne, schon glaubte ich den Tag verloren, als ich Toni aus dem Hause treten und langsam über die Wiese gehen sah. Ich flog aus meinem Versteck hervor und hatte sie bald erreicht.

Sie sah mich groß an.

Zürnen Sie mir, daß ich schon wieder da bin?"

Nein, Sie sind gut", erwiderte sie.Sie meinen es gut mit uns. Ich weiß, daß Sie für uns wirken".

Davon reden Sie nicht, liebe Toni. Wissen Sie aber, warum ich da bin? Ich sehe Sie heute auf längere Zeit zum letzten Mal. Morgen reise ich heim.

Was Sie sagen - morgen das ist überraschend es kommt so plötzlich. Ist es denn gar so nöthig, daß es morgen ist?"

Wäre es nicht nothwendig, ich bliebe sicher noch. Ist es Ihnen recht, wenn ich bald wiederkomme?"

Ach, das wissen Sie so schon"

Sie reichte mir die Hand.

Aber wie spät es wird, bis Sie heimkommen heute", sagte sie wieder. Sie werden nicht vor elf Uhr zu Hause sein. Also Sie kommen