Heft 
(1880) 37
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- William Harvey. -

sein Büchelchen über den Kreislauf gebracht. Er hatte sie noch nicht ver­gessen. Ent, den Werth des Buches erkennend verglich er es doch mit dem goldenen Vließe) ließ es sofort drucken. Diesmal konnte es in London geschehen. So ward das Jahr 1651 gleich dem Jahre 1628 epochemachend in der Geschichte der Medicin und der Naturwissenschaften; diesmal für einen andern Theil der Physiologie: die Entwicklungsgeschichte!

Harvey hatte nunmehr diejenigen großen Aufgaben im Alter gelöst, welche er sich in früher Jugend schon gestellt hatte. Sich noch in neue wissenschaftliche Arbeiten einzulassen, davon hielt ihn 73jährig, wie er war, sein klarer und vorsichtiger Geist ab. Er mochte fühlen, daß er, um ferner noch Großes zu leisten, zu alt, um aber Kleines in Angriff zu nehmen, zu groß sei! An den Klippen des Alters, durch die sein Landsmann Newton später Havarien erlitt, segelte Harvey unbeschädigt vorüber! Er studirte zwar noch weiter, von jetzt an besonders Mathematik, weshalb er stets William Oughtreds Lehrbuch auf seinem Studirtische hatte, aber er veröffentlichte nichts mehr, wie er denn darin einzig dasteht, daß er nur epochemachendes Neue hat drucken lassen und gegen die Richtung seiner Zeit dies in dünnen Büchern that. Dabei beschränkte er sich nur auf einen Zweig der Medicin, die Physiologie, freilich begründete er diesen aber neu und förderte ihn auch, wie kein Nachfolgender ein über die Aufgaben wissenschaftlicher Arbeit, wie kein zweiter, klarer Geist! Er wollte nicht durch Vielerlei, wie die Poly­historen seiner Zeit, glänzen, sondern durch Viel wahrhaft fördern, am wenigsten aber wollte er, was er nicht völlig nach dem Maße seiner Kräfte durch­gearbeitet, drucken lassen, wie nicht selten in unserer Zeit gerade zum Schaden der Wissenschaft geschieht.

Hatte Harvey bisher sein ganzes langes Leben, der Erforschung zweier Wahrheiten, und damit im höchsten Sinne der Menschheit gewidmet, so stellte er sich am Ende die seiner würdige ethische Aufgabe, von jetzt an der Humanität im engeren Sinne und speciell seinem Stande zu nützen. Letzeres that er wohl, weil er der Ueberzeugung sein mochte, daß er, wenn er diesen hebe, auch indirect seiner Wissenschaft und damit wieder der ganzen Menschheit nützlich sein werde. Auch mochte er, als er den wissenschaftlichen und Corps­geist seines Standes, der unter den englischen Aerzten zwar von jeher rühmlicherweise sehr ansgebildet und durch centralisirte, strenge und in langer Gewohnheit festgewurzelte Selbstregierung geregelt war und ist, mehren half, in wohlberechtigtem Ehrgeize darnach streben, auch die Bürgerkrone der ärzt­lichen Republik zu der im Dienste der Wissenschaft erworbenen Lorbeer­krone hinzuzufügen.

Geld scheint Harvey stets nur als Mittel zu höheren Zwecken geschätzt zu haben; denn bis in sein 73. Lebensjahr hatte er sich nicht um den Stand seiner Schätze gekümmert freilich hatten damals Börsen und Luxus noch nicht das Leben selbst der Gelehrten vergiftet. Vielmehr hatte er bis dahin die Sorge um sein Vermögen gänzlich seinem Bruder Eliab anheim-

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