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Die Kunst und der Kaufmann.
malten Lusthäusern und den Springbrunnen, die mit Erzbildern der Götter geziert sind, erregen Staunen. „Mir gefielen", setzt der Berichterstatter hinzu, „die königlich französischen Gärten zu Blois und Tours nicht so gut". Auch am Niederrhein wird ähnliche Pracht in den Häusern der großen Kaufleute bezeugt; bei einem Kölner Handelsherrn zeigte man den Gästen neben dem Saal die Garderobe mit dem an zwei Wänden, von unten bis an die Decke reichenden, auf 30,000 Ducaten geschätzten Silbergeschirr, „wie denn die Kölner sonderlich mit dem Silbergeschirr prangen". Dagegen wird in andren Dingen den Oberdeutschen der Vorrang in der Neppigkeit zugestanden, denn erfahrene Männer Wundern sich darüber, daß die Augsburger Frauen jeden Tag ein Bad nehmen, und der Oberstallmeister des Kaisers meint, die oberdeutschen Frauen müßten es wohl nöthiger haben und weniger sauber sein, als die brabantischen und niederdeutschen, „die nur ein- oder zweimal im Jahre baden".
Man sieht aus alledem, daß die bürgerlichen Kreise an allgemeiner Cultur und künstlerischer Bildung den adligen damals weit vorausgeeilt waren. Dies Verhältniß spiegelt sich in unserer ganzen damaligen Kunst. Nicht blos zahlreiche Werke der Malerei und Plastik, auch die köstlichen Arbeiten des Grabstichels und des Holzschnitts sind für die bürgerlichen Kreise vornehmlich geschaffen worden. Während in Italien die große monumentale Kunst mit ihrem vornehmen Gepräge die Production beherrscht, strömt eine unerschöpfliche Fülle künstlerischer Phantasie bei uns in jene unscheinbareren Erzeugnisse aus, die man wohl als volksthümliche, um nicht zu sagen demokratische, bezeichnen darf. Für Kirchen und Paläste vornehmlich arbeitet die Kunst in Italien; für das trauliche Familienzimmer des Bürgerhauses größtentheils die deutsche. Und auch in Form und Inhalt wirkt diese Sphäre auf unsere Meister ein; das Charaktervolle, dabei doch vielfach spießbürgerlich Verzwickte in den Gestalten Schongauers und Dürers, selbst wo es Scenen der heiligen Geschichte gilt, ist ein derb demokratischer Protest gegen die ideale Hoheit der mittelalterlichen Kunst, aber zugleich ein unerschöpflicher Quell von gemüthlicher Innigkeit und Frische der Empfindung.
Und nun schickt sich das deutsche Bürgerthum denn auch an, die öffentlichen Monumente mit dem vollen Glanz der neuen Kunstweise auszustatten. Wer die Rathhäuser, Kaufhallen, Zunfthäuser und alle die anderen Gebäude der städtischen Verwaltung, die Schulen, Spitäler, Festungswerke unserer deutschen Städte kennt, der weiß, welch edler Wetteifer etwa seit der Mitte des 16. Jahrhunderts überall gewaltet und Werke eines eigenartigen charaktervollen Stils hervorgebracht hat. Die malerische Wirkung des Rathhauses zu Rotheuburg mit seiner luftigen Loggia, die stattliche Anlage der Rathhäuser zu Nürnberg und zu Augsburg, letzteres mit seinem goldenen Saal ein Nachklang italienischer Eindrücke, die energischen und charaktervollen Rathhäuser zu Schweinfurt, Tübingen, Gernsbach und so manche andere süddeutsche Bauten der Zeit beweisen, wie mannigfaltig die