Heft 
(1880) 41
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Wilhelm Lübke iu Stuttgart.

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deutschen Architekten diese Aufgaben zu gestalten wußten. Aber fast noch glänzender entfaltet sich der städtische Profanban an den norddeutschen Monumenten. Wer kennt nicht die elegante Rathhaushalle zu Köln, die überwältigende ornamentale Pracht des Rathhauses zu Bremen, dessen glänzender Saal mit seinen üppigen Holzschnitzereien nur noch überboten wird von den köstlichen Arbeiten, welche Lüneburg durch Meister Albert von Soest in seinem Rathsaal aussühren ließ. Und in diesem Raum bewahrte man bis vor Kurzem den herrlichen Silberschatz, die Stiftung patriotischer Bürger ans den stolzen Zeiten der Stadt, die der von seiner Höhe längst herabgesunkene Ort froh war, neuestes an das Berliner Gewerbemuseum verkaufen zu können. Um dieselbe Zeit fügte damals Lübeck seinem Rathhause die prächtige Renaissancefa^ade hinzu, Danzig aber stattete sein altstädter Rath­haus mit reicher Zier innen und außen, namentlich mit dem graciösen Glockenthurm aus, errichtete das rechtstädtische Rathhaus, das Zeughaus und die imposanten Festungsthore, sämmtlich Wahrzeichen des Einflusses nieder­ländischer Kunst, die damals die nordischen Städte bei uns ebenso beherrschte wie die italienische unfern Süden.

Wir schöpfen nur einige Tropfen aus dem Meere dieser großen Cultur; eine Wanderung durch unsere deutschen Städte zeigt aus Schritt und Tritt, wie kraftvolle Wogen dieselbe geschlagen hat: Danzig und Lübeck, Nürnberg und Augsburg, Brauuschweig, Hildesheim, Halberstadt, Münster, Lemgo und so viele andere sind noch fetzt lebendige Zeugnisse jenes bürgerlichen Geistes, der sich in freiem Behagen gehen ließ. Die weitere Entfaltung desselben, mit einem starken Beigeschmack demokratischer Sinnesweise finden wir sodann in den Niederlanden. Zwar im südlichen Theile des Landes, in Brabant wußten Alba's blutige Maßregeln jede freiheitliche Bewegung niederzuschlagen und den Despotismus Spaniens und des jesuitisch gewordenen Katholicismus wieder aufzurichten; Verhältnisse, die sich dann in einer üppig empor­schießenden specifisch kirchlichen Kunst aussprechen, als deren höchster Ausdruck die machtvollen Altarbilder von Peter Paul Rubens dastehen. Dagegen kämpften die nördlichen Provinzen mit zäher Ausdauer den Unabhängigkeits­kamps und eroberten für Holland das kostbare Doppelgut politischer und religiöser Freiheit. In kühnen Unternehmungen breitete zugleich das Land seinen Handel und seine Macht in überseeischen Besitzungen aus, und der Reichthum der großen Handelsstädte, an der Spitze Amsterdam, förderte als­bald eine Kunstblüthe, die man als schärfsten Ausdruck des germanischen Realismus und bürgerlichen Unabhängigkeitsfinnes bezeichnen muß.

Diese h oll kindische Kunst ist ganz weltlich; das calvinistische Bekenntniß verschloß ihr die Pforten der Kirche, und wenn Meister wie Rembrandt dennoch biblische Stoffe des alten und neuen Testamentes behandelten, so geschah es in jenem streng protestantischen Sinne, der mit seinem Gebet stch in das stille Kämmerlein einschließt und ohne Vermittlung dem Herrn zu nahen sucht. Die Innigkeit und Anspruchslosigkeit dieser Schöpfungen, die

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