- Die Herstellung der kurhessischen Verfassung. - 357
Graf Bernstorff: Nein; ich betrachte das als einen innern Gegenstand.
Ich: Warum denn aber noch vor Kurzem verlangt worden sei, jenes Wahlgesetz aufzugeben:
Graf Bernstorff: Das ist ja gar nicht verlangt worden!
Ich: In Cassel sei behauptet, Preußen begehre eine Rückkehr zu den Bestimmungen von 1831 . . .
Graf Bernstorff: Niemals habe er dergleichen verlangt oder zu solchen „Unterstellungen" irgend Anlaß gegeben. (Mit unwilliger Geberde und Stimme:) „Ich bin ja doch der Minister und müßte es wissen!" — In Betreff der s. g. Bundeswidrigkeiten würden zunächst die künftigen Minister zu urtheilen und die „wenigen Bestimmungen" suspendirt zu lassen haben.
Frage: Was Preußen thun würde, wenn bundestägige Feststellung der Punkte verlangt werden sollte und die Würzburger daraus eingingen? wenn ferner die Wahlgesetzfrage etwa von dem Bundestag gezogen würde.
B. schnell und heftig: Das werde Preußen nicht zugeben. Es sei eine verkehrte Auffassung, wenn behauptet werde, Preußen habe jetzt die Bundes- Competenz zu dergleichen Schritten anerkannt, das habe man nicht gethan das werde man nie thun.
Schließlich gab mir Graf B. noch eine besondere Adresse für vertrauliche Mittheiluugen, um welche er bat, und ich schied mit dem Eindrücke, von einem Manne ernster: und graden Wesens die aufrichtigsten Eröffnungen erhalten zu haben.
Mit welchen Blicken ich dagegen nach Kassel sah, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden.
Inzwischen hatte ich auch mit den Freunden im preußischen Abgeordnetenhause verkehrt, wo eben über eine Antwort auf die Thronrede verhandelt wurde. Man konnte sich dort lange Zeit nicht einigen, ob dabei der kurhessischen Angelegenheit gedacht werden solle oder nicht. Ich meines Theils vermochte auf die Frage wenig Gewicht zu legen und erklärte einfach, was man auch thue, wir in Hessen würden unter allen Umständen am Rechte sesthalten.
Auf der Rückreise nach Kassel traf ich mit Wiegand in Neudiedendorf zusammen. Er hatte in Weimar eine Unterredung mit dem Minister von Wintzingerode, dem ehemaligen kurhessischen Ministerialvorstande gehabt. Dieser war nämlich (nach meiner eigenen, früher erwähnten Ministerliste) zum künftigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Hessen ausersehen, während Wiegand Minister des Innern werden sollte. —
Das Ministerium des Innern galt von jeher in Kurhessen für das wichtigste, weil es den umfassendsten und schwierigsten Geschäftskreis hatte. Das nominelle Haupt des neuen Ministeriums sollte aber doch nicht Wiegand, sondern ein Herr von Loßberg, einer der Adjutanten des Kurfürsten werden, der sich eines besondern Wohlwollens und Vertrauens desselben zu erfreuen schien. Dieser führte deshalb auch die Unterhandlungen mit dem Kurfürsten und hatte