Heft 
(1880) 42
Seite
360
Einzelbild herunterladen

360

Friedrich Getker in Kassel.

endlich mit Erstaunen erfuhr, daß schon am 14. Juni dem Kurfürsten das Programm vorgelegt worden sei, nachdem derselbe die von Herrn v. Loßberg entworfene Ministerliste genehmigt habe.

Der Freund hatte mich also wirklich hinters Licht geführt und wich mir offenbar nun fortwährend aus.

Ich ließ ihn deßhalb durch meinen Bruder wissen, daß ich mich von jetzt an als vollständig frei von jeder Verpflichtung gegen ihn betrachte und nun mehr einfach nach Lage der Umstände und meinem eigenen Ermessen handeln werde . . .

Kurze Zeit bewegte mich ein Gedanke, den ich nicht verschweigen will, obwohl nichts zu dessen Ausführung geschehen ist. Ein paar gescheidte, aber etwas selbstsüchtige Seelen, mit denen ich darüber sprach, waren förmlich entzückt davon und drangen stürmisch auf schleunigste Ausführung, indem sie nicht im Mindesten am vollständigsten Erfolge zweifelten.

Wie, wenn dem Kurfürsten, dachte ich mir, im Augenblicke der höchsten Noth ein Weg gezeigt würde, der gleich sehr geeignet wäre, seinen Aerger und Unwillen, wie dem Wohle des Landes genug zu thun? . . . Der Kur­fürst ist wüthend über den Bundestag, wüthend über Preußen, voll Unwillen über die alten Minister und voll Mißtrauen und Abneigung gegen die neuen; am Maße des Einlenkens, an etwas mehr oder weniger Nachgiebig­keit, kann ihm jetzt Nichts liegen, nachdem er gesehen hat, daß er überhaupt nachgeben muß, wohl aber würde ihm daran liegen, seine Selbstherrlichkeit zu zeigen und sich Vortheile zu verschaffen. Wie, wenn ihm nun, wo ihm das Messer an der Kehle sitzt, gesagt würde: Königliche Hoheit! lachen Sie doch Allen zugleich in's Gesicht! erklären Sie den Bundesgenossen in Frankfurt: ihr habt mir Nichts zu befehlen! ich selbst bin Herr in meinem Lande, und werde thun, was mir als das Richtige erscheint; ihr habt mehr gegen das Recht verstoßen als ich, und nur den schlechten Rathschlägen aus Wien und Berlin verdanke ich meine jetzige Lage . . . Den alten Ministern aber, königliche Hoheit, sagen Sie: Ihr habt mich schlecht berathen! und den neuen: Euer Rath ist ungenügend und hinterlistig! ich aber will nicht blos die alte Verfassung, sondern auch die übrigen Gesetze Herstellen, will den ganzen Hassenpflugffchen Kram abthun u. st w. u. s. w.

Ob ein solcher Plan hätte gelingen können? namentlich, wenn materieller leicht einzukleidende Vortheile in Aussicht gestellt worden wären? . . .

Wer weiß es!. Und wer weiß, wie sich dann die Zukunft, wie der Vor­gang von 1866 gestaltet haben würde . . .

Doch wurde der Gedanke nicht weiter verfolgt! Ich wußte Niemanden, der sich zur Ausführung recht geeignet hätte. Und vor allen Dingen hielt mich der Hinblick auf'Preußen, auf die deutsche Sache von Weiterem zurück.

Am 16. Juni Abends kam Wiegand zu meinem Bruder; es geschah dies ohne mein Vorwissen, denn ich würde in keine Unterredung mehr ge-