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- Dieser st ellung der kurhessischen Verfassung.
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willigt haben. Er sprach, während ich mich schweigend zur Seite setzte, von Kränklichkeit, Ueberbürdetsein, Mißgeschick, von der Unfähigkeit der Einen und von der Lässigkeit der Anderen, kurz, er spielte ein „Jammerbild von Geplagtheit". „Ich wollte", rief er dann fast weinend, „daß die ganze Geschichte tausend Klafter tief unter dem Blocksberge läge! Ja, ich danke Dir recht sehr, daß Du das über mich und meine Familie gebracht hast! Läßt Du mich jetzt im Stich, so sitze ich fest und weiß nicht, was werden soll!"
Ernst oder Komödie? dachte ich anfangs. Dann übermannte mich doch, so ärgerlicher Verstimmung ich auch war, die Laune und ich schlug ein Helles Gelächter auf, in welches W. schließlich mit einstimmte.
Wer nun aber glauben sollte, daß jetzt endlich meinem Verlangen genügt worden wäre, ja daß ich nur mündliche Aufschlüsse der allernothdürf- tigsten Art erhalten hätte, der würde sich sehr irren.
Nur durch B. erfuhr ich Einiges, und das war unerbaulich genug. Ich besorgte in der That das Schlimmste.
Am 18. Juni schrieb ich besorgnißvoll an den Grafen Bernstorff. An demselben Tage, spät Abends, machte ich einen Versuch, W. unversehens in seinem Gartenhause zu treffen, fand aber nur die Gattin. Diese wollte nichts Näheres wissen. Da ich aber annehmen konnte, daß sie ihrem Gatten meine Aeußerungen nicht vorenthalten würde, so sprach ich meinen Unwillen und insbesondere auch die Befürchtungen aus, welche mich schon seit mehreren Tagen erfüllten. Ich hatte auf vertrautem Wege erfahren, daß der Kurfürst geheime Besprechungen gepflogen. Der Kurfürst, erklärte ich der Frau Wiegand, wird Eduards Vorschläge schon annehmen, daran zweifle ich gar nicht; aber er wird Andere berufen, sie auszuführen, und dafür hat sie Wiegand sicher nicht berechnet.
Und nur zu bald zeigte es sich, wie richtig ich den alten Schlaukops beurtheilt hatte.
Es vergingen noch mehrere Tage in schwüler Besorgniß und Erwartung.
Manche hielten den Kurfürsten in diesen Tagen, während die Preußischen Truppen an den Grenzen standen, zu den „tollsten Streichen" für fähig, wenn er gerade ein willfähriges Werkzeug fände. So schlimm sah ich nun zwar die Dinge nicht an; allein zu einiger Vorsicht ließ ich mich doch bereden. Am Sonnabend dem 21. suchte ich wirklich einen der geheimen Schlupfwinkel auf, in denen ich mitunter übernachtete.
Hier erhielt ich am Sonntag Morgen eine flüchtig-verstohlene Abschrift von den wichtigsten Bestimmungen einer kurfürstlichen Verordnung. Ich erkannte sofort den Geist Wiegands, eine Arbeit, wie ich sie längst gefürchtet hatte, ein Werk der abgefeimtesten Berechnung und Schlauheit, dergestalt, daß alles Wesentliche — außer der eigentlichen Verfassungs-Herstellung — zwar zugesichert zu sein schien, in Wahrheit aber Alles dem Gulfinden der Regierung oder vielmehr des Ministers Vorbehalten war. Als ich später einmal den alten Freund auf sein Werk hinwies, meinte er lachend: ja
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