Heft 
(1880) 42
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Friedrich Getier in Kassel.

ich hatte das ja nicht für Andere erdacht! womit denn freilich die ärgste Verurteilung des Erlasses ausgesprochen war.

Der Kurfürst hatte die Absicht Wiegands nur zu gut erkannt und wußte dessen Gedanken vortrefflich auszunutzen.

Die weiteren Vorgänge in Betracht des kurfürstlichen Erlasses entwickelten sich, so viel ich habe feststellen können, wie folgt:

Am 21. Juni, Nachmittags 21/2 Uhr, gab die preußische Regierung Befehl zur Truppenconcentrirung an der Grenze; gegen 4 Uhr fand in Kassel die Bildung eines neuen Ministeriums statt. Dies wurde in Berlin gegen 6 Uhr bekannt.

Zur Unterzeichnung der Verordnung konnte sich aber der Kurfürst noch immer nicht entschließen;die Schweißtropfen standen ihm fortwährend auf der Stirn". Abends 7 Uhr war die Unterzeichnung noch nicht erfolgt.

Die ersten Abdrücke der Herstellungsverordnung im Gesetzblatte, die von der Polizei in die Wirthshäuser gebracht wurden, sind vom 22. Juni 1862 datirt. Dann aber ward das Datum geändert und der 21. Juni gesetzt. Am 23. brachte deramtliche Theil" der Kasseler Zeitung mit der Verordnung zugleich die Kunde von dem neuen Ministerium, nachdem schon Tags zuvor, am Sonntag, ein Extrablatt darüber erschienen war. Der Generalstaatsprocurator von Dehn-Rotfelser, der Schwager Abses, war Ministerialvorstand des Auswärtigen und der Finanzen, Regierungsrath von Stiernberg Vorstand des Innern, der Vortragende Rath im Justiz­ministerium, Karl Pfeiffer - zur Unterscheidung von den vielen Uebrigen in Kassel, welche den Namen Pfeiffer führen, gewöhnlichDreck-Pfeiffer" genannt Vorstand der Justiz re.

Volmar, der bisherige Minister des Innern, ließ sich pensioniren;

Abse, der letzte Minister des Aeußern, und die Uebrigen warteten die Dinge ab, die da kommen sollten.

Der Eindruck, den diese Vorgänge in Kassel und im Lande machten, ist schwer zu beschreiben. Es war ein wunderliches Gemisch von Ent­täuschung und Befriedigung, von Wuth und Freude, was die Leute erfüllte.

Anfangs überwog entschieden die Wuth. Der Schwager Abses, der

fast eben so politisch verhaßt war, wie dieser selbst, an dessen Stelle gesetzt.

Das erschien geradezu wie ein unerträglicher Hohn! Und zu welchen Be­merkungen Monsieur Dreck-Pfeiffsre, wie einst ein französischer Vertreter gesagt haben soll, Anlaß gab, braucht nicht erst angedeutet zu werden.

Allmählich indessen drang doch die Ueberzeugung durch, daß mit der Herstellung der Verfassung von 1831 und des Wahlgesetzes von 1849, sammt der sich daran schließenden sichern und unbeeinflußten Rechtspflege, ein ganz außerordentlicher Erfolg errungen sei, gegen den die Personensrage klein und unbedeutend erschien; wenigstens war dies die vorherrschende Stimmung, als ich Kassel verließ und von Berlin aus eine Ansprache an das Land richtete. Daß in denProvisorischen Gesetzen" und verfassungs-