Heft 
(1880) 42
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Friedrich Getker in Kassel.

Aber die Minister faßten die Sache anders auf und schienen dabei auch das Abgeordnetenhaus vor Augen gehabt zu haben, dem mit einer Geldbe­willigungsanforderung zu kommen man sich vielleicht nicht bequemen mochte.

Graf Bernstorsf empfing mich sehr artig. Er sagte mir allerlei Freundliches über Aufmerksamkeit, Voraussicht, ruhig-politische Auffassung re. Allein, welchen Trost konnte mir das gewähren? Er könne sich ineine Auf­fassung und meine Wünsche denken, sagte er; er selbst sei bei Empfang der ersten Nachrichten, namentlich meines Briefes vom 21. empört gewesen; ich werde aber doch zugeben müssen, daß etwas Tüchtiges erreicht sei. Bei ruhiger Ueberlegung habe er sich sagen müssen, daß man einen Souverän nicht nöthigen könne, ein bestimmtes Ministerium, bestimmte einzelne Personen zu nehmen. Der englische Gesandte z. B. habe schon das bisherige Verlangen ein ganz ungewöhnliches genannt. Alles, was Preußen verlangt habe, sei ja geschehen! Ja, wenn erhebliche Forderungen, bzw. Vorschläge der Herren Loßberg und Wiegand unbeachtet geblieben, da wäre es etwas Anderes gewesen; aber so . . . Den politischen Ruf von Dehns zum Vorwände eines neuen Verlangens zu machen, das sei doch gar zu bedenklich! . . .

Ich bemerkte, daß ich mir das Ergebniß der Berathung vom 23. sehr wohl erklären könne, falls kein weiteres Ziel obgewaltet habe; ich müsse aber doch auf die Natur des neuen Ministeriums aufmerksam machen und dringend wünschen, daß Preußen die Sache dauernd im Auge behalte und der VerfassungsparteL auch ferner seine moralische Stütze angedeihen lasse.

Verlassen Sie sich darauf, das wird geschehen", erwiderte Graf B. mit Wärme. Ein weiter gehender Plan habe in der That nicht Vorgelegen.

Ich entwickelte nun sofort, was noch geschehen müsse, z. B. wegen des Oberappellationsgerichts, der provisorischen Gesetze u. Fast überall war der Graf völlig einverstanden und nur bei einem Punkte bemerkte er mit einiger Zurückhaltung, daßes so gehen möge".

Gleich darauf sprach ich auch den Grafen v. Usedom. Der meinte mit einer gewissen ironischen Heiterkeit:Ja, wenn die Thür offen ist, kann man sie doch nicht noch einrennen wollen! Man müsse aber die Thür offen halten, über AllesBuch führen" u. s. w.".

Die Stimmen der öffentlichen Blätter über die letzten Vorgänge klangen sehr verschieden. Viele waren ärgerlich genug. Ein Leiter der Kölnischen Zeitung meinte aber doch, obwohl das Blatt eigentlich empföhlen hatte, gegen den Kurfürsten zu Verfahren,wie unter Metternich gegen den Herzog von Braunschweig".Sollten die Preußen wirklich in Kurhessen ein­rücken, so dürfte selbst der vielgewandte Herr Abeken einigermaßen in Ver­legenheit sein, die Note, in welcher Grund und Absicht dieses Schritts entwickelt wird, zu stilisiren".

In Kassel war man noch langewie im Fieber".