Heft 
(1880) 42
Seite
367
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- GoethesFaust" als Bühnenwerk. - 36?

wie derFaust" wohl am besten auszusühren sei? Führt uns diese Unter­suchung durch das Hervorheben der guten Eigenschaften der Devrientffchen Bearbeitung und durch das Aufdecken ihrer Mängel dem ersehnten Ziele: einen seßhaften Gesammt-Faust" für unser Theater zu erringen, auch nur um einen Schritt näher, so ist die auf die Erörterung der einschlägigen Fragen verwandte Mühe keine verlorene gewesen.

I. Die Dichtung alsMysterium" und die sogenannte Mysterienbühne".

Ein Mysterium in zwei Tagewerken" nennt Otto Devrient denFaust" in seiner Bearbeitung.

Weshalb einMysterium"? Goethe nennt denFaust" schlechtweg eineTragödie", und das könnte allenfalls genügen. Er sucht nicht den barocken, zu Mißverständnissen herausfordernden und für die Abendvorstellungen beinahe komisch wirkenden TitelTagewerke" hervor; er spricht einfach von der Tragödie erstem und zweitem Theil". Man hätte es wohl ruhig dabei bewenden lassen dürfen.

Aber nicht blos dem Titel, auch dem Wesen nach soll GoethesFaust" einMysterium" sein.

Devrient führt für seine Auffassung die Thatsache an, daß derFaust" im Himmel beginnt und abschließt, nachdem die Handlung auf Erden und in den höllischen Regionen des nordischen Mittelalters wie der griechischen Antike sich bewegt hat. Diese Folgerung erscheint denn doch etwas gewagt. Ein decoratives Phantasiegemälde wird dadurch noch nicht zu einem Heiligen­bilde, daß es mit diesem den Goldgrund gemein hat; und die Faust"- Tragödie wird durch den Prolog und Epilog im Himmel, durch die Hexen­küche und die Walpurgisnächte noch nicht zu einem geistlichen Schauspiel, zu einemMysterium". Devrieut sagt in seiner Einleitung, daß Goethe die Sagezum wahren Mysterium gestaltet habe, indem er dem Stücke den symbolisch epischen Charakter jener didaktischen Biographien verleihe".Daß wir ein solches und kein modernes Theaterstück erwarten sollen, verheißt das Vorspiel auf dem Theater zwischen Dichter, Theaterdirector und lustiger Person". Aber gerade das Vorspiel, auf das sich der Bearbeiter beruft, scheint mir mit den klarsten Worten das Gegentheil zu beweisen. Die Charakterisirung des aufzuführenden Stückes durch den Director im Vorspiel: Gebt ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

Solch ein Ragout, es muß auch glücken;

Leicht ist es vorgclegt, so leicht als ausgedacht,

Was hilft's, wenn ihr ein Ganzes dargebracht - Das Publikum wird es euch doch zerpflücken"; und die Charakterisirung des Publikums:

Und seht nur hin, für wen ihr schreibt!

Wenn diesen Langeweile treibt,

Kommt jener satt vom übertischten Mahle,

Und, was das allcrschlimmste bleibt,