368
j)aul Lindau in Berlin.
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten, lind Neugier nur beflügelt jeden Schritt;
Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten Und spielen ohne Gage mit" . . .
— diese Worte scheinen mir doch recht deutlich daraus hinzuweisen, daß wir zu einem recht modernen Theater geladen werden und ein Stück zu erwarten haben, wie es auf der modernen Bühne gegeben wird.
Indessen, weswegen sollte „Faust" nicht ein „Mysterium" sein? So gut wie ein geistvoller Kops aus dieser Dichtung erweisen könnte, daß sie ein phantastisches Ausstattungsstück, ein bürgerliches Trauerspiel, eine philosophische Dichtung, eine Satire in Dialogsorm, das Drama xnr und
sogar in seiner gewaltigsten Bedeutung, oder überhaupt gar kein Drama sei, ebenso gut könnte man auch ein Mysterium in die Dichtung hinein- und dann wieder aus ihr herausinterpretiren. Die Dichtung ist eben so umfassend, so großartig ungebunden, daß ein Jeder, den es gelüstet, sie zu zerpflücken und das Stück in Stücken zu betrachten, aus jedem derselben sich heraustüfteln kann, was er gerade mag. Nur scheint mir die Frage klein für jeden,
„der weit entfernt von allem Schein Nur in der Wesen Tiefe trachtet".
Die Goethesche „Faust"-Dichtung läßt sich in keine geschlossene Rubrik einreihen. Sie ist eben die „Faust"-Dichtung, die einzige, die allumfassende, die alle Gattungen in sich ausgenommen hat. „Ein Geisteswerk von solcher Tiefe der Conception, solcher Breite der Ausführung, solcher Höhe der Tendenz", sagt Dingelstedt, „kann sich in eine der bestimmten bestehenden Kunstformen nicht einzwängen". Goethe hat daher den weitesten Begriff gewühlt und sein Werk einfach eine „Tragödie" genannt, ohne von dem philisterhaften Bedenken beschlichen zu werden, daß Mephisto, Marthe, die Studenten, die Spaziergänger re. der reinen Lustspielsphäre angehören.
Man sollte mit solchen Correcturen der Dichter recht vorsichtig sein. Ein Augenblick ruhiger Ueberlegung müßte dem Einrichter oder Bearbeiter doch sagen, daß Goethe, der ein voll ausgelebtes Menschenleben an diesem gigantischen Werke gedichtet, wohl Alles, was Menschenwitz zu ersinnen und Menschenkraft zu leisten vermögen, erschöpft hat, und daß ihm, wenn er das Werk als ein „Mysterium in zwei Tagewerken" sich vorgestellt hätte, gewiß auch der Einfall gekommen wäre, diese Beziehung anstatt der von ihm gewählten: „Der Tragödie erster und zweiter Theil", anzuwenden.
Indessen acceptiren wir meinethalben einstweilen das Devrient'sche „Mysterium", das sich ja vielleicht vom Standpunkte der Bühnentechnik aus besonders empfehlen wird.
Da ist zunächst mit wärmstem Lobe anzuerkennen, daß Devrient die horizontale Dreitheilung der Bühne für unsere moderne Scene in Anwendung gebracht hat. Das ist ein sehr glücklicher und fruchtbarer Gedanke, der dem Regisseur zu hoher Ehre gereicht. Die Erfindung dieser Bühne