Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
369
ist nicht von ihm; sie ist aber auch nicht, wie wir gleich sehen werden, eine Erneuerung der alten Mysterienbühne. Sie ist die praktische Durchführung eines von Otto Devrients Vater, von Eduard Devrient, phantasiereich entworfenen Bühnenplanes, der seitdem ziemlich allgemein als der Plan der alten Mysterienbühne gegolten hat.
Otto Devrient, der Sohn, hat sich durch die Worte seines Vaters Eduard anregen lassen, daß die eigenthümlichen, freien Formen des Mysteriums einen Reichthum an Tiefsinn und Humor in sich schließen, welcher hoffentlich für das deutsche Drama nicht für immer verschüttet liegt. Nach Eduard Devrient*) wäre die Construction folgende gewesen: „Im Hintergründe eines
breiten und wenig tiefen Podiums erhob sich eine Emporbühne von drei Stockwerken. Die beträchtliche Breite derselben wurde durch zwei Pfeiler gestützt, wodurch in allen drei Stockwerken drei gleiche Abtheilungen entstanden, jene loAss, wie die Franzosen sie nannten. Die mittelste im
untersten Stockwerk stellte die Hölle vor. Sie war mit einer Pforte, oft auch durch einen künstlich eingerichteten Höllenrachen geschlossen, der sich von selbst öffnete, um die Teufel aus- und einzulassen. Zu beiden Seiten des Höllenrachens liefen entweder frei hervorspringende Treppen zum mittleren Stockwerk hinaus oder sie lagen innerhalb der beiden Seitenräume des unteren Stockwerks. — Das mittlere Stockwerk stellte die Erde vor. Die Vorgänge auf derselben standen aber über die Treppe hinab mit der Vorderbühne in Verbindung, disponirten also über sehr mannigfache Räume und Stellungen. Diese Vorderbühne war neutrales Terrain; denn auch die Teufel durften sich darauf aus ihrer Hölle hervorwagen. —
Im obersten, dritten, Stockwerk war der Sitz der Seligen; Gott, Vater und Sohn, die Heiligen und Engel erschienen dort. Dieser Raum brauchte nicht so groß als das mittlere Stockwerk zu sein. Ein flacher Bogen schloß ihn Wohl oben ab und vollendete so an den: ganzen Gerüst die Ähnlichkeit mit der Form und Eintheilung der Altarbilder. Zu diesem Himmel führte eine Treppe hinauf ..."
Um das Gesagte kurz zusammenzufassen: zu ebener Erde die Hölle (Otto Devrient nennt diesen Bühnenraum „Erdgeschoß"), von da führen Treppen zum ersten Stock, der Erde (bei Otto Devrient „Brücke" genannt), und von da wiederum Treppen zum zweiten Stock, Himmel (bei Otto Devrient „Zinne" genannt).
Gegen diese Bühne als geistvolle Composition läßt sich gar nichts einwenden: ihr alterthümlicher Werth indessen ist von kundiger Seite nicht Llos bestritten, sondern es ist sogar nachgewiesen worden, daß dieselbe durchaus
*) Geschichte der Schauspielkunst von Eduard Devrient. Leipzig, I. I. Weber.