Heft 
(1880) 42
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Paul Lindau in Berlin.

nicht echt ist.Eduard Devrients Ausführungen", sagt Ludwig Traube*), sind mit großer Vorsicht zu benutzen. Die Phantasie reißt ihn oft mit sich, und was er für schön und passend hält, das glaubt er zwischen den Zeilen der Ueberlieferung lesen zu dürfen. Und so irrt er denn oft. Aber gerade da ist er anregend zu gleicher Zeit. Wenn wir vom kritisch historischen Standpunkt seine Abhandlung über die Mysterienbühne nur verdammen könnten, so verdient sie ungetheiltes Lob von Seiten des Dramaturgen . . . Was wir unter einer Mysterienbühne verstehen, ist mehr eine Devrientbühne. Sie hat mit der, aus welcher wirklich die Mysterien gespielt wurden, wenig mehr gemein als die Mannigfaltigkeit der Schauplätze".

Da nicht einmal die Sache richtig ist, hätte die alterthümelnde Be­zeichnung erst recht wegbleiben sollen. Es verschlägt übrigens für die theatralische Wirkung nichts, ob die horizontale Dreitheilung der Bühne die alte Mysterien- oder die neue Devrientbühne ist, ob wir mit Erneuertem oder mit Neuem zu schassen haben.

II. Wo sich die Devrientbühne bewährt.

Für Einzelheiten werden mit dieser neuen Einrichtung ganz ungeahnte Wirkungen erzielt. Dazu rechne ich ich spreche einstweilen nur vou deu theatralischen Intentionen des Regisseurs und nicht von der Verwirklichung, die diese auf der Bühne des Berliner Victoriatheaters gesunden haben; ich spreche auch noch nicht von der literarischen Behandlung des dichterischen Wortes dazu rechne ich also vor allem den Prolog im Himmel und den Spaziergang im ersten, die Scenen an der Kaiserpfalz im zweiten Theile.

In allen diesen Scenen wird das durch die grandiose Willkür der Dichtung Zerstreute vermöge dieser dreiteiligen Bühne gesammelt und zusammengeschlossen. Ausgaben, die sich die Regie bisher als unlösbar vor­stellte, finden hier zwanglos ihre Lösung. In das theatralische Chaos kommt Maß und Ordnung. Die gewaltigen Bühnenschönheiten, von denen einzelne wie erratische Blöcke umherliegen, ohne erkennbaren Zusammenhang, ergeben sich nun als Glieder eines einheitlichen organischen Ganzen von einheitlicher und mächtiger Wirkung.

Bei vielen dieser Scenen wird diese Devrient'sche Einrichtung, die ja auf Unabänderlichkeit im Einzelnen keinen Anspruch macht, die der Ver- vollkommung und des Ausbaus fähig und bedürftig erscheint, in den großen Zügen maßgebend für die deutsche Bühne werden. Sie erweist, sich dem unbefangenen Zuschauer auf den ersten Blick als sinnreich, praktisch und gefällig.

Das gilt vor allem im ersten Theile ich bleibe consequent bei der alten Bezeichnung, mit denTagewerken" kann ich mich nun einmal nicht

Schauspiel und Bühne. Beiträge zur Erkenntnis; der dramatischen Kunst. Herausgegeben von Johannes Lepsius und Ludwig Traube. München 1880. Ackermann. 1. Heft. Seite 63 u. f.