Heft 
(1880) 42
Seite
371
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- GoethesFaust" als Bühnenwerk. --

befreunden von dem Spaziergang, den Devrient ganz meisterlich geordnet hat. Im Erdgeschoß ist der Stadtgraben angenommen, über den ein Steg führt; von diesem führen rechts und links Treppen auf zur unbelaubten Landschaft. Im ersten Stock rechts das Stadtthor mit der Fallbrücke über den Graben. In der Mitte dieses ersten Stockes die Linde und links die Schenke mit Tischen und Bänken. Im obersten Stock erblickt man die mittelalterliche Stadt. Es dürfte sich vielleicht empfehlen, die Stufen der Treppe theilweise zu bekleiden, es wird viel auf- und abgeklettert, aber das ist eine Kleinigkeit.

An der theatralischen Ausführung, wie sie uns das Victoriatheater geboten hat, habe ich Einiges auszusetzen. Wie schon der erste Schauplatz der Mysterienbühne, Prolog im Himmel, so leidet auch dieser Spaziergang vor der Stadt an einem betrübenden Mangel: an der Heiterkeit.

Im Prolog wird uns ein gar unerfreulicher Anblick auf die Freuden des Jenseits erschlossen. Von dem matten Graublau des Hintergrundes heben sich die dunkelgekleideten Erzengel zwar feierlich und streng, aber ganz und gar nicht verlockend ab.Die Racker" sind, wenn ich es wagen darf, Mephistos frivolen Ausdruck zu gebrauchen, ganz und gar nichtappetitlich", weder von vorn nochvon hinten". Durch die würdige Erhabenheit und die weihevolle Stimmung des Goethe'schen Prologes geht doch ein Zug über­legenen Frohsinns und glückseligen Behagens. Selbst der Herr verschließt sich nicht in den Ernst seiner göttlichen Unnahbarkeit. Er ist, wenn er sich auch das Lachen abgewöhnt, freundlich und von großer Güte und spricht menschlich sogar mit dem Teufel. Diese erhabene Heiterkeit in der Dichtung sollte auch durch das Aeußerliche der Bühne zum Ausdruck kommen. Die Erzengel sollten in lichten, freundlichen Gewändern anmuthig spielend daher­schweben, nicht in ihrer starren, dunklen Unbeweglichkeit dastehen. Sie haben sich ja das Lachen nicht abgewöhnt! Es ist Devrient, es ist nicht Goethe, der Mephisto vomGesinde" sagen läßt:

Mein Pathos brächte euch gewiß zum Lachen

Wenn ihr euch nicht das Lachen abgewöhnt".

Bei Goethe setzt Mephisto, ganz im Gegensatz zu der Devrient'schen Abänderung, bei den Engeln sogar die Neigung zu lustigem Spott und Hohn voraus. Vor allem aber hätte der Maler und Beleuchter lustiger Vorgehen sollen. Sinnlich schöne Farben, goldig flimmernder Glanz in hellstem, blendendem Lichte ich glaube, ein solches Bild wäre dem Himmel, in dem der Prolog spielt, näher gekommen, als der kalte, freudlose, verdrießlich dreinschauende Raum, der uns hier einen Himmel vergegenwärtigt, nicht, wie ihn der heitere Goethe, nein, wie sich ein finstrer Sectirer ihn vorstellen mag.Wie die italienischen und spanischen Meister die Himmelfahrt Mariä gemalt haben, so denken wir uns die Scene arrangirt. Engelgruppen, die sich auslösen und in einander übergehen, bald einen lustigen Reigen aufführen, bald in