Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
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hinter der Vorstellung, die man sich vor dem wirren Getümmel und dichten Knäuel von Hexen und Hexengenossen macht, weit zurück. Es ist nicht der Blocksberg mit der unabsehbaren Höllenschaar, die wir vor uns sehen. Es macht eher den Eindruck eines mäßig besuchten Vergnügungslocales mit einem verunglückten und verregneten nordischen Mummenschanz.
Aus dem Umstande, daß für die wichtigeren Zwiegespräche zwischen Mephisto und Faust die Musik schweigen und die Bühne leer bleiben muß, folgt, daß von einer Continuirlichkeit in der Stimmung nicht die Rede sein kann. Wir vergessen oft vollkommen, daß wir die Walpurgisnacht mitmachen; und von der unheimlich fesselnden Gewalt des Grausigen verspüren wir auch nicht das Geringste. So wie wir den Blocksberg auf der Bühne sehen, ist er — ich scheue mich nicht, das richtige Wort anznwenden — einfach langweilig, und für den geringen Gewinn, der diese Scene der Gesammtheit der Dichtung zuführt, müssen wir mit der Zeit, die wir darauf zu verwenden haben, und mit der Langweile, die uns auferlegt wird, einen viel zu hohen Preis bezahlen.
III. lieber die lVandelderoration. Ein Vorschlag zur Güte.
Ob sich durch eine andere scenische Einrichtung ein besseres Resultat, eine stärkere Wirkung erzielen läßt — ich weiß es nicht. Ich bezweifle es sogar, wie ich schon sagte, so lange man an der bisher fast ausnahmslos geltenden Vorkehrung der während des Actes unbeweglichen und unveränderlichen Decoration festhält. Ich habe aber schon wiederholt darauf hingewiesen, und versäume keine Gelegenheit, um immer auf's Neue die Aufmerksamkeit der Bühnentechuiker darauf hinzulenken: daß die moderne Bühne hier noch eine Aufgabe zu losen hat, an die sie, die sonst so gern experimentirt, mit einer mir ganz unbegreiflichen Scheu bisher noch gar nicht sich herangewagt hat.
Seitdem unser Auge durch prachtvolle und künstlerische Jnscenirungen verwöhnt worden ist, hat man bei allen jenen Stücken, welche einen häufigen Decoratiouswechsel erheischen —- und das sind zufällig gerade die dramatischen Meisterwerke, die Werke Goethes und Shakespeares in erster Linie — stets denselben Schwierigkeiten fast rathlos gegenübergestanden. Bei unserer com- plicirten und schwerfälligen Bühne ist, wenn unseren Ansprüchen genügt werden soll, ein jeder Scenenwechsel eine gar mühselige und zeitraubende Arbeit. Man hat ein sehen müssen, daß es geradezu unmöglich ist, das Werk des Dichters auch scenisch in seiner Integrität zu erhalten. Dieser wechselt in einem Aufzuge den Schauplatz fünf, sechs, zehn Mal, und diesem Sturmlanf in Siebenmeilenstiefeln vermag die bühnentechnische Schnecke nicht zu folgen. Denn die Bühnentechnik soll ja für eine jede Scene ein möglichst fertiges, möglichst künstlerisches, möglichst wohlgefälliges Bild Herstellen, wie es dem raffinirten Geschmacke und den verwöhnten Ansprüchen des heutigen Publikums behagt. Und das erfordert, selbst Lei der größten Vollkommenheit der scenischen Maschinerien, zum Mindesten viel Zeit und läßt sich auch aus