Heft 
(1880) 42
Seite
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Paul Lindau in Berlin.

räumlichen Gründen bei der Bauart fast aller unserer Bühnen unter den günstigsten Voraussetzungen nur mit Mühe und Noth, bisweilen aber gar nicht Herstellen. Wo sollen denn all die Versatzstücke, die Prospecte und Seitendecorationen, die Möbel und Requisiten in der gebotenen Eile unter­gebracht werden?

Um nun der oft unüberwindlichen Schwierigkeiten doch ungefähr Herr zu werden, hat man sich also zunächst daran gemacht, sich das Werk des Dichters auf die Möglichkeit der scenischen Vereinfachung anzusehen. Erfahrene Bühnen­leiter, die glücklicherweise zum Theil auch feinfühlige Dichter sind, haben also aus der Dichtung Scenen beseitigt, das Unentbehrliche daraus in andere übertragen, Scenen umgestellt, miteinander verknüpft w. kurz, sie haben das ungebundene dichterische Werk in die feste Form unsrer Bühne eingezwängt und so darstellungsmöglich gemacht. Für die BühneBearbeiten" oder Ein richten" nennt man diese undankbare, mühselige, nothwendige, aber immerhin bedauerliche Arbeit, die sich durch die kühnen, theilweise auch gelungenen Wagnisse, namentlich Franz Dingelstedts, in unfern Tagen zu einer selbständigen dichterischen Specialität, zu einer posthumen Mitarbeitung an den Klassikern herausgebildet hat.

Wenn auch noch so scharfsinnig, pietätvoll und geistreich mißlich bleibt diese Arbeit immerhin. Und Leute wie Laube und Dingelstedt werden selbst die Ersten sein, um anzuerkennen, daß es ein Segen wäre, wenn die Bearbeitungen und Einrichtungen, da sie sich nun doch einmal nicht ganz beseitigen lassen, und da die unversehrte Erhaltung des dichterischen Urzustandes auf der Bühne ein frommer Wunsch bleiben wird, wenigstens erheblich beschränkt werden könnten. Ich glaube nun, daß sich dies durch eine scenische Neuerung allerdings erreichen ließe.

Selbst in den besten Bearbeitungen kann der Sceneuwechsel während des Actes natürlich nicht vermieden werden. Es ist nothwendig, daß die Bühne mehrfach innerhalb eines Aufzuges verwandelt wird.

Die Verwandlung kann bekanntlich nur aus zweierlei Weise bewerkstelligt werden: bei offener Scene und bei der durch den sogenannten Zwischen­actsvorhang dem Auge des Zuschauers geschlossenen Scene.

Diesen Zwischenactsvorhang halte ich für durchaus verwerflich, für eine der bedauernswerthesten theatralischen Errungenschaften der Neuzeit. Er zerhackt die Acte in Acte, er zerstört die organische Gliederung des Kunstwerks. Wenn der Vorhang fällt, so ist der Act aus; ob die Farbe des Vorhangs nun grün oder roth ist, das thut nichts zur Sache. Wird er wieder aufgezogen, so beginnt eben ein neuerAuszug", wie schon das Wort sagt.

Das geringere der Uebel ist also die Verwandlung bei offner Scene. Aber auch diese hat ihr Bedenkliches. Durch den plump und träge arbeitenden Apparat unsrer Bühne hat die gewaltsame Besetzung des Hinteren Prospectes, ob er nun als neuer Prospect vom Schnürboden oder als alter Prospect in die Versenkung herunterrasselt, oder sich theilt, hat ferner das Abräumen