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Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
der Bühne durch das Personal und das Herbeischaffen des neuen Materials immer etwas Zerstreuendes.
Neuerdings ist auch hier, namentlich in den sogenannten „Ausstattungsstücken" eine Vervollkommnung eingetreten. Anstatt den neuen Hintergrund mit Geräusch herabzulassen oder den alten aufzuziehen oder bei Seite zu schieben, läßt man den letzteren langsam aufsteigen und leitet ihn durch eine verbindende Malerei zu der neuen Decoration hinüber, so daß der sich nun entrollende Schauplatz gleichsam aus dem Boden aufzusteigen scheint. Man wird also nicht brutal von dem einen Platze fortgeriffen und unvermittelt auf einen anderen hinübergeschleudert; der Zuschauer wird allmählich von dem einen auf den anderen Schauplatz hinübergeführt. Während dieses sanften und sachten Ueberganges, während das Auge dem langsamen Wechsel des Ortes der Handlung folgt, wandelt sich auch die Stimmung gemächlich. Man wird auf das Neue vorbereitet, ohne die Fühlung mit dem Alten zu verlieren.
Ich glaube somit, daß diese scenische Vorrichtung: die sogenannte Wandeldecoration mit ihren vermittelnden llebergängen der Veranschaulichung des dichterischen Werkes am nächsten kommt; und ich habe die Ueber- zeugung, daß die allgemeine Einführung dieser Wandeldecoration mit ihren vermittelnden llebergängen für die Darstellung aller Werke mit häufigem Scenenwechsel, für die Shakespeare'schen und Goetheffchen Dramen ganz besonders, noch ganz ungeahnte Wirkungen ergeben wird. Die Zukunft der Jnscenesetzung der klassischen Dramen liegt meiner festen Ueberzeugung nach in der Einführung dieser Wandeldecoration, und deswegen wird dieselbe, wie ich glaube, auch nur eine Frage der Zeit sein. In einem Jahrzehnt wird man kaum noch begreifen, wie man sich ohne dieselbe hat behelfen können. Und wenn man lesen wird, daß zwischen den einzelnen Scenen chie Wegräumer auf der Bühne erschienen find, und daß eine Decoration unvermittelt und gewaltsam einer anderen Platz gemacht hat, so wird man lächeln, wie wir jetzt schon lächeln, wenn wir daran denken, daß Moliöres Werke zuerst bei Talglichtern, die während des Spiels geschnäuzt wurden, aufgeführt worden sind.
Um die technische Ausführbarkeit dieser Reform bekümmere ich mich nicht, weil ich weiß, daß die Technik damit fertig werden wird, sobald einmal die Nothwendigkeit anerkannt worden ist. Unsere theatermaschinistischen Meister, die die alltäglichen Wunder der Natur, sowie die Wunder, welche die Naturgesetze durchbrechen, täuschend nachahmen, die scheinbar die Schwerkraft aufheben, unsere Ballerinen stiegen und unsere Sängerinnen schwimmen, die Sonne scheinen, den Regen herabströmen und die Blumen aussprießen lassen, werden schon Mittel und Wege finden, um die Wandeldecoration herzustellen. Ob diese vertical aus dem Boden aufsteigend oder horizontal dioramaartig an uns vorüberziehend oder abwechselnd das Eine und das