Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
377
Schauplatz (im dritten Acte des ersten Theils): Gretchens Haus, Marthens Gärtchen, Kirche re. und im ersten Schauplatz des fünften Actes des zweiten Theils: Fausts Palast, Gärtchen der Alten, Meer rc.
Dramaturgen, die den guten Einfall einer theatralischen Neuerung haben, sind gewissen Aerzten vergleichbar, welche ein neues Heilverfahren ersonnen oder acceptirt haben. Der Homöopath will alle menschlichen Gebreste mit seinen kleinen Zuckerkügelchen heilen; der Wasser-Doctor wäscht ab, reibt ab und douchet, was ihm gerade in den Weg läuft; wir haben es erlebt, daß andere Heilkünstler trockene Semmeln als Universalmittel gegen jegliche körperliche Beschwerde anwenden; und um noch etwas tiefer zu greifen, wissen wir, daß Hoff den Malzextract, Daubitz den Kräuterliqueur und Jacobi den Königtrank für untrüglichste Panaceen halten; der eine elektrisirt die Höllenpein uns aus dem Gebein, ein andrer magnetisirt sie weg. In neuerer Zeit hat sich unter den Wissenschaften eine Gilde von Bromkali- und Salicyl-Doctoren gebildet. Alles das verhindert jedoch nicht, daß die Menschen erkranken und leider auch sterben. Es verhindert aber auch nicht, daß unter Umständen kaltes Wasser, Elektricität, Salicyl, trockene Semmel und aromatischer Schnaps ganz zweckdienlich und für das körperliche Wohlbefinden förderlich fein können, Aber eben nicht immer! Nur unter Umständen!
Devrient glaubt nun auch, daß er allen Bühnenleiden durch seine Dreiteilung radicale Heilung bringen werde. Und da liegt der Jrrthum. So trefflich sich diese Einrichtung für die erwähnten Scenen bewährt, fo vollkommen versagt sie an andern Stellen.
Durch seine dreitheilige Bühne hat Devrient die Scenen von der Begegnung Fausts mit Gretchen bis zur Ohnmacht Gretchens in der Kirche in eine einzige allerdings recht complicirte Decoration einzwängen wollen (von Vers 2250—3477)*).
Goethe schreibt für diesen Scenencomplex nicht weniger denn vierzehn verschiedene Verwandlungen vor, nämlich: 1) Straße, 2) Abend, ein kleines reinliches Zimmer, 3) Spaziergang, 4) der Nachbarin Haus, 5) Straße, 6) Garten, 7) Gartenhüuschen, 8) Wald und Höhle, 9) Gretchens Stube, 10) Marthens Garten, 11) am Brunnen, 12) Zwinger, 13) Nacht, Straße vor Gretchens Thür, 14) Dom.
Schon aus dieser Aufzählung ist ersichtlich, daß hier eine Vereinfachung geboten, und bei näherer Prüfung ist leicht zu erkennen, daß sie auch ohne Schädigung des Dichters möglich ist. Die bisherigen Bühneneinrichtungen haben da schon das Notwendige gethan, und Devrient hat noch einiges Wünschenswerte hinzugefügt. Ohne Anstand können die Scenen: Garten und Gartenhäuschen, Gretchens Stube („Meine Ruh ist hin") und Marthens Garten (Vers 3018—3187), und die vier letzten Scenen: Brunnen, Zwinger, Straße und Dom, zu je einem Bilde zusammengefaßt werden. Alle diese
*) Ich benutze für die Citate die Ausgabe von G. von Lveper, zweite Bearbeitung (Berlin, 1879, Gustav Hempel) mit den ausgezählten Versen.
26 *