Heft 
(1880) 42
Seite
379
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- GoethesFaust" als Bühnenwerk. - 379

Straße, respective auf der Treppe vor Gretchens Hause; da auch der kurze Monolog:Ich gab' was drum". Durch Beseitigung der Vorderwand

von Gretchens Stube, erster Stock, wird dem Zuschauer der Einblick in das kleine Zimmer gewährt. Hier treten nun Mephisto und Faust ein. Im Verhältniß zu dem großen, zu vier Fünfteln nicht benutzten Bühnenraum, ist die Stube Gretchens ein winzig kleines Loch, und von dem reinlichen und anmuthigen Zimmer, das Faust so liebevoll und rührend schildert, bekommen wir so gut wie nichts zu sehen. Da erweist sich zum erstenmale ack oon1o8 die Verwerflichkeit dieser Einrichtung. Wir haben ein volles Anrecht darauf, Gretchens Stube ganz genau zu sehen. Wir müssen mit Faust empfinden: In dieser Armuth, welche Fülle! in diesem Kerker, welche Seligkeit!" Wir müssen den ledernen Sessel, den reinlichen Teppich, der über den Tisch gebreitet ist, das Bett sehen;ein offnes, schmales, keusches, aber veritables Bett", sagt Dingelstedt. Nur so kommen die unvergleichlichen Schönheiten dieser Dichtung auch bei der Darstellung zu ihrem Rechte.

Wie ist es nun hier? Alle diese Verse werden aus dem Guckloch herausgesprochen. Fausts wonniges Entzücken ist rein unbegreiflich und wirkt komödiantenhaft, lügnerisch. Der wahrhaft Ergriffene erscheint hier wie ein sentimentaler Vielsprecher. Und wenn nun Gretchen austritt und sagt: Es ist so schwül und dumpfig hie", so ist das geradezu komisch, d. h. ganz ungehörig. Denn durch die geöffnete Vorderwand hat die Luft von draußen, die ja ziemlich kühl ist (Es ist doch eben so warm nicht drauß'") den ungestörtesten Eingang. Und da öffnet sie noch das kleine Fenster, das nach der andern Seite der Straße führt, wodurch ein höchst unangenehmer Zug entstehe:: müßte. Wir verlangen unbedingt die Wiederherstellung der alten Gretchenkammer.

Marthens Zimmer ist von Devrient cassirt worden. Mephisto über­bringt Frau Schwerdtlein die traurige Mär von dem todten Mann, der grüßen läßt, im Garten. Auch das ist nicht richtig. Die ganze Scene hat unzweifelhaft den Duft des spießbürgerlichen Interieurs, nicht Blumenduft unter Gottes freiem Himmel. Wird aber der Garten gelassen, dann muß jedenfalls Marthens Abschiedswort an Mephisto geändert werden. Wenn Marthe zu Mephisto im Garten selbst sagt:Da hinterm Haus in meinem

Garten", so ist das ein Lapsus, der lächerlich wirkt. Und wir treffen ja in der That gleich daraus die xartls oarrßs auf demselben Fleck wieder. Marthe müßte also nun sagen:Hier vor dem Haus in diesem Garten" eine Aenderuug, die ich nur als nothwendig bezeichnen will, ohne die Ver­antwortlichkeit dafür zu übernehmen.

Und nun erscheint eine Veränderung der Decoration als ein dichterisches Gebot. Der Ortswechsel erleichtert der Phantasie des Zuschauers den Sprung über den zeitlichen Zwischenraum. Wir haben Gretchen in Marthens Zimmer mit Mephisto zum letzten Mal erblickt, wir treffen Faust und Mephisto auf der Straße, wir hören, daß das Stelldichein für den Abend vorbereitet ist: