Heft 
(1880) 42
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Paul Lindau in Berlin.

Heut Abend sollt Ihr sie bei Nachbars Marthen sehen" wir vernehmen das erregte Zwiegespräch zwischen den Beiden, und nun, nach abermaliger Verwandlung, finden wir in dem traulichen mit Buschwerk und Bäumen bepflanzten Garten den wir uns natürlich ganz anders denken, als das nüchterne, stimmungslose Ding mit dem dürftigen Laubengang, wie wir es hier sehen nun finden wir Gretchen wieder am Arme Fausts, zwar noch mädchenhaft befangen, aber schon bis über die Ohren verliebt in den Reisenden, der aus Gütigkeit fürlieb nimmt. Da brauchen wir uns nicht anzustrengen, um die Lücken, die der künstlerische Geist des Dichters gelassen hat, auszu­füllen. Wir ergänzen ohne Mühe das Folgende: Die Vorstellung Fausts

durch Mephisto, die scheinbar gleichgültigen Wechselreden bei der ersten Be­grüßung, die allmählich trauliche Annäherung, den Vorschlag zum Ergehen in der lauen Luft des Sommerabends. Treten aber, wie bei Devrient, Marthe und Gretchen in das Haus, trifft unmittelbar darauf vor diesem Hause Mephisto mit Faust zusammen und schließt sich an diese Scene nach einer kürzen durch Musik ausgesüllten Pause in diesem Fall erweist sich die vermittelnde Kraft der Musik als völlig ungenügend der gemeinsame Spaziergang in demselben Garten, der nicht einen Augenblick unserm Gesichts­kreise entrückt gewesen ist, so hat die Verliebtheit Gretchens schon beim Beginn dieser Scene etwas Brüskes, Verletzendes, Unkeusches, das auf den Charakter dieses einzigen Mädchens einen sehr häßlichen Schatten wirft. Hier also muß die Einheitlichkeit der Scene, nach der ja sonst fast immer zu streben ist, unbedingt aufgehoben werden, weil sie hier die Dichtung in ein falsches Licht bringt und die dichterischen Gestalten travestirt.

Aber auch aus andern Gründen scheint mir die Devrient'sche Einrichtung nicht blos anfechtbar, sondern auch verwerflich. Bei den: beschränkten Raum, der dem Garten hat angewiesen werden können, und bei der Nothwendigkeit diesen Garten auf der einen Seite vom Hause, auf der andern Seite vom Zaun nach der Straße zu abzusperren, ist nur ein Auf- und Abgang für die Paare möglich, links hinter dem Hause. Da müssen die aus- und abtretenden Paare immer zusammentreffen. Es entstehen dadurch höchst fatale Pausen, bis die Einen nach hinten und die Andern nach vorn kommen; es wird alles zerhackt, und der ganze Schmelz, der über der Gartenscene liegt, ist wie geborsten. Und es macht sich außerdem schlecht. Es ist ein beständiges 0I1L88S2, orotsen! wie beim Contre. Es sieht aus wie ein Caroussel, bei dem in regelmäßigen Zwischenräumen immer dieselben Gruppen an dem davorstehenden Zuschauer vorüberziehen. Die bisherigen Einrichtungen dieser Scene lassen auch viel zu wünschen übrig, aber sie sind doch tausendmal der Devrient'schen vorzu­ziehen. Ich denke mir, daß eine Gartendecoration mit verschlungenen Pfaden, mit dichtem Gesträuch, mit Hecken und alten Bäumen, wo die Paare bald vorn, bald mehr nach dem Hintergründe zu auftauchen, in der mond- beglänzten Zaubernacht miteinander schäkern und kosen, den unvergleichlichen Zauber dieser Scene zu reiner, poetischer Wirkung bringen müßte.