Heft 
(1880) 42
Seite
381
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GoethesFaust" als Bühnenwerk.

38 s

Der Zweikampf zwischen dem von Mephisto secundirten Faust und Valentins Tod auf der Treppe vor Gretchens Hause um den zu Gott eingehenden, braven Soldaten gruppiren sich amphitheatralisch die neugierigen Nachbaren geben ein packendes, malerisches Bild. Auch der Uebergang vom Tode Valentins zur Kirchenscene wird stimmungsvoll vermittelt. Die Leiche wird unter tiefem Schweigen bei Seite gebracht. Derweil lassen sich von oben her die gedämpften Töne der Orgel vernehmen, und die von dem tragischen Schauspiel noch erschütterte Menge tritt in das Gotteshaus, aus dessen Seitenportal der Lichtschimmer hervorquillt. Vor dem Portale knieen einige Gläubige, die Bettler und Krüppel, und von diesen abgesondert hat sich Gretchen niedergelassen. Es ist zwar ungewöhnlich, die schaurige Scene da hoch oben sich abspielen zu sehen, aber hier hat das Zusammen­drängen auf den kleinen Fleck der sonst leeren großen Bühne etwas unheim­lich Ergreifendes. Es ist ein Effect, der sich mit dem in der Com- position Gärömes,Cäsars Tod", vergleichen läßt. Auf dem GsrSme'schen Bilde sehen wir den großen Senatssaal mit seinen leeren Bänken. Alles

drängt zur engen Pforte hinaus, bis auf den einen feisten Senator, der alles verschlafen hat. Sonst ist der große Saal wie gesagt schauerlich leer. Und da vorn unter dem umgestürzten Thronsessel, von der blutigen Toga bedeckt, der ermordete Weltherrscher allein, grausig in seiner Hülflosigkeit. Aehnlich auch hier. Die Nacht hat ihren Frieden über alles gebreitet. Die Straße liegt im Dunkel, im Garten der Nachbarin tiefe Stille, kein Blättchen scheint sich zu regen, das Wasser gurgelt eintönig aus dem Rohrbrunnen, die schmälenden Mädchen sind verstummt. Nur da oben vor dem Dome ringt ein armes Menschenkind, dieweil die andächtige Gemeinde bei Orgelklang ihre Gebete gen Himmel sendet, gegen die folternden Gewissensqualen. Es ist ein schaurig packendes Bild. Freilich nicht das Bild, das Goethe sich gedacht hat. Goethe hat Gretchen unzweifelhaft in der Kirche und zwar in einerfinsteren Jammerecken" unter Bettlern und Krüppeln angenommen.

Die Mauerpfeiler Befangen mich!

Das Gewölbe Drängt mich! Luft!

Aber so wie Devrient die Scene eingerichtet hat, ist sie immerhin von großer und schöner Wirkung.

Die Erfinder und Erneuerer lassen sich auch mit jenem verschlagenen Franzosen in der Scribe'schen PosseBär und Bassa" vergleichen, der dem gelangweilten und dummen Pascha Schahahaham beständig seinen Bären auf­brummen will:prsnW mon ours!" Der Pascha will sich an Fischen er­götzen:Nehmen Sie meinen Bären", empfiehlt der Geschäftsmann.Nehmen Sie meine Mysterienbühne" , sagt auch Devrient jedesmal, wenn die Bühne ein Begehren hat. Erweist sich diese, wie ich dargethan zu haben glaube, für einige der wichtigsten Scenen als nachtheilig und untüchtig, so wird sie