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j)aul Lindau in Berlin.
im Schlußact des zweiten Theils geradezu widersinnig; ich habe vergeblich nach einem milderen Ausdruck gesucht.
Devrient baut die Bühne so: Erdgeschoß: in der Mitte (Loch) der Kanal, links der Faust-Palast mit der Eingangsthür; im ersten Stock rechts das Häuschen und Gärtchen mit der Kapelle von Philemon und Baucis, also der früher exponirte Landstrich, der nun durch Dämme und Dünen gegen das Meer geschützt ist; in gleicher Höhe der Altan von Fausts Palast; im zweiten Stock das Meer!
Das Meer zwei Treppen hoch! der Garten eine Treppe tiefer! Und der Kanal im Erdgeschoß! Der Act spielt also so und so viel Meter unter dem Meeresspiegel, und der Kanal hat trotz des Gefälles die Freundlichkeit, auf der Mitte der Bühne sichtbar auszumünden, und die Wasserwogen des hier zwei Stock höher gelegenen Meeres stürzen nicht nach!
Das sind naturgeschichtliche Merkwürdigkeiten, die sich selbst der duldsamste Zuschauer ohne Noth auf der Bühne nicht gefallen lassen mag!
Und weshalb diese Unmöglichkeit? — Die Bühne muß eben nun einmal bei Devrient ihre drei Stock haben, anders geht's ja nicht.
O doch, es geht anders! Dieses Austhürmen ist hier nicht blos sinn-, es ist auch zwecklos. Die ganze Sache kann sich zu ebener Erde abspielen, am Meeresstrand. Wir brauchen die alten Leute nicht beständig die steilen Treppen klettern zu lassen und brauchen das Meer nicht zu veranlassen, sich gegen die Gesetze der Natur aufzulehnen und als Meer zwei Treppen hoch über dem Meeresspiegel seine Fluthen zu wälzen. Für Fausts Palast, für die Hütte der Alten, das Gärtchen und die Kapelle und für die Fernsicht auf das Meer ist zu ebener Erde Platz genug.
Wenn ich nun den Schluß aus dem Gesagten ziehe, so komme ich zu folgendem Ergebniß. Die Bühneneinrichtung, welche Otto Devrient für die Darstellung des „Faust" gewählt hat — die von Eduard Devrient, Vater, construirte dreitheilige Bühne, die man schlechtweg die „Mysterienbühne" nennr, obwohl dieselbe nachgewiesenermaßen niemals eine solche gewesen ist,— diese Bühne erweist sich im Großen und Ganzen als eine geistvolle und vielleicht nicht unfruchtbare scenische Neuerung. Sie erweist sich als zweckdienlich, glücklich und wirksam für einige wichtige Scenencomplexe, die sie sinnig und gefällig zu einem Ganzen schließt. Für eine zweite Gruppe von Scenen erweist sie sich als überflüssig und entbehrlich und für eine dritte Gruppe als durchaus verwerflich, indem sie das, was keinen Zusammenhang hat und keinen Zusammenhang haben soll, dem Geiste der Dichtung zuwider zusammenschweißt und durch die hier nothwendige Beschränkung in der Benutzbarkeit des Theaterraums und die Zusammendrängung des Spielraums auf einen kleinen Fleck das dichterische .Bild erdrückt und erstickt und die Stimmung, die der Dichter über die Scene gebreitet hat, aufhebt.