38^ - p)aul Lindau in Berlin. -
die schmerzlichsten Striche nothwendig, von denen ich nur den einen, den grausamsten, hier anführen will.
Devrient hat, zwar nicht in dem gedruckten Buch seiner Bearbeitung, wohl aber bei der Aufführung im Berliner Victoriatheater die ganze Scene „Wald und Höhle" (Vers 2168—3017, „Erhabner Geist, Du gabst mir re.") beseitigt.
Ich habe kein Verständniß dafür, wie sich das mit literarischem Gewissen verantworten läßt. Das heißt doch einen der schönsten Steine aus dem Geschmeide ausbrechen. Das ist Zerstörung, Verstümmelung. Die Wiederherstellung dieser Scene, die bisher immer von dem Rothstifte selbst der pietätlosesten handwerksmäßigen Regie verschont worden ist, ist eine Forderung, auf deren Erfüllung das deutsche Publikum sein gutes, der Begründung gar nicht bedürftiges Recht hat.
Devrient ist, glaube ich, der Erste, der das Vorspiel auf dem „Theater" auf der Bühne ausgeführt hat; und dafür gebührt ihm der vollste Dank. Dingelstedt will es streichen. Er meint, es habe auf der Bühne keinen Platz und eher eine störende als eine fördernde Wirkung. „Der Zuschauer ist nicht der Leser; er soll nicht hinter die Coulissen sehen, auch nicht in die Zelle des Dichters, nicht einmal in die Werkstatt des Theatermeisters". Dingelstedt hat Unrecht. Die graue Theorie hat ihn zu dem Jrrthum veranlaßt; und um auch einen solchen zu vertheidigen, ist ein geistreicher Mann um Gründe nicht in Verlegenheit. Hätte er die drei Theatermenschen leibhaftig auf den Brettern vor sich gesehen, hätte er selbst die tiefsinnigen und launigen Verse vernommen, — diese ao8 postiea, herrlicher denn irgend eine andre, diesen Katechismus der dramatischen Dichtkunst und des theatralischen Handwerks — er selbst würde der Erste sein, der der Ausführung zustimmte.
Devrient führt uns nun, der Dichtung folgend, in den Himmel. Da stellt sich dem Bearbeiter die erste große Schwierigkeit entgegen: die Frage der Darstellbarkeit des Herrn auf der profanen Bühne. Sie wird von Devrient verneint; und ich glaube mit ihm, daß, abgesehen von allem Andern, kaum die Aussicht vorhanden ist, den Widerstand, den die Staatsbehörde der theatralischen Vorführung des Schöpfers entgegensetzen würde, zu brechen. Es muß also eine Ausflucht gesucht, es muß ein bühnenmöglicher Stellvertreter gefunden werden.
Für dieses Amt erwählt Devrient den Erzengel Michael. Daraus folgen aber des Weiteren die leidigen Nothwendigkeiten, daß zur Einführung des göttlichen Procuristen einige Verse eingeschoben und, da die Ich-Form der Rede zu beseitigen ist, die Verse fast durchgängig verändert werden müssen. Das Eine wie das Andere ist gleichermaßen heikel und betrübend. Devrient drängt seinen Michael mit den folgenden Versen in die Goethe'sche Dichtung hinein: