Heft 
(1880) 42
Seite
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386 - j)aul Lindau in Berlin. -

Da nun aber der Herr bei Devrient nur die Worte:Es sei!" gesprochen hat, so ist die Aeußerung Mephistos über die Herablassung des höchsten Wesens kaum noch berechtigt; und da es nun Devrient doch einmal über's Herz hat bringen können, den genialen dichterischen HumorSo menschlich mit dein Teufel selbst zu sprechen", durch seine prosaische Verphilisternng auf­zuheben, so schlage ich ihm vor, den den veränderten Verhältnissen viel ange­messeneren Vers an die Stelle des von ihm corrumpirten zu setzen er lasse Mephisto sagen:

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

D urch Michel mit dem Teufel selbst zu sprechen dann ist alles in schönster Ordnung!

Ließe es sich die Unmöglichkeit der Gott-Darstellbarkeit auf der Bühne zugegeben nicht besser machen, als es Devrient gemacht hat? Ich glaube: ja. Dingelstedt hat ein Auskunftsmittel ersonnen, das unter den Nebeln sicherlich das geringere ist. Er substituirt dem Herrn den Erdgeist; da diesersich selbst definirt als die schaffende Potenz der Natur, den Repräsentanten unsres Planeten im Weltall, so kann ihm sowohl eine Stellung über oder unter den Erzengeln, wie der wirksame Einfluß auf menschliche Existenzen,Geburt und Grab", übertragen werden".

Es ist sehr findig, was Dingelstedt hier vorschlägt, und meines Bedünkens so lange nichts Besseres gefunden ist, unbedenklich zu acceptiren. Ich gebe zu, daß dabei ein bischen Sophismus und ein bischen Heuchelei mit unter­läuft, aber durch die von Dingelstedt vorgeschlagene Umgehung wird wenigstens die Möglichkeit gewährt, den Goetheschen Text nahezu unversehrt zu erhalten; und das dünkt mich doch das Wesentliche. Weshalb übrigens Dingelstedt dem Mephisto einenAbgang" machen will, ist mir vollkommen unklar.

In dem nun folgenden ersten Theil hat Devrient Striche vorgenommen, die einem recht wehe thun: aber eine Auseinandersetzung über die Frage, ob nicht besser manche der von ihm ausgemerzten Stellen zu bewahren gewesen wären und andre, die er erhalten hat, ohne tiefere Schädigung hätten fort­fallen können, würde endlos in die Breite gehen. Nach meinen Auffassungen hätte er die ganze Walpurgisnacht, die uns auf der Bühne Alles schuldig bleibt, beseitigen und den dadurch gewonnenen Raum mit Schönerem und Edlerem, das er ausgeschieden, füllen sollen.

Im Uebrigen beschränkt sich die Arbeit Devrients auf einige textliche Veränderungen, die durchweg arge Verschlimmerungen und unbedingt verwerflich sind. Ich stelle ohne irgend eine Bemerkung die folgenden Verse einander gegenüber:

Goethe, Vers 2278 ff.

Mein Herr Magister Lobesan,

Laß er mich mit dem Gesetz in Frieden! lind das sag' ich ihm kurz und gut:

Wenn nicht das süße, junge Blut Heut Nacht in meinen Armen ruht,

So sind wir um Mitternacht geschieden.