Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
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Devrient, Seite 73:
„Mein Herr Magister Lobesan,
Das sag' ich kurz und gut Ihm an:
Wenn nicht das süße, junge Blut Noch heut in meinen Armen ruht,
So sind wir geschieden um Mitternacht".
Aus diesem Citat ersieht auch der Leser eine besondere Art der Devrientsichen Bearbeitung: Das, was man ironisch als eine „Reinigung"
des Goethesichen Textes, als eine „Veranständigung" bezeichnen könnte. Bei Goethe verlangt Faust, daß Gretchen „heute Nacht" in seinen Armen ruht, bei Devrient kann's auch am Tage sein! „Noch heut", sagt er discret.
la nnist 1a nriit, 1a nnit!"
heißt es in einem französischen Liedchen. Ich wundre mich nur, daß der Bearbeiter in seiner ängstlichen Fürsorge für die Schonung basenhafter und altjüngferlicher Zimperlichkeit dem derben Olympier die Freiheit gegönnt hat, Faust das Verlangen aussprechen zu lassen, daß Gretchen „in" seinen Armen ruhe — „an" seinem Arme wäre noch unverfänglicher. Ein andermal thut er es wirklich! Ich habe hier unter seiner Regie am Victoriatheater zwei Mal deutlich und von zwei verschiedenen Darstellern, von ihm selbst gehört, es ist also kein Versprechen:
,/s ist eine der größten Himmelsgaben,
So ein lieb' Ding am Arm zu haben".
Am Arm? Mephisto ist bescheiden, wenn er blos das Vergnügen ein schönes Mädchen spazieren zu führen, für eine der „größten Himmelsgaben" hält!
Bisweilen sind diese Veranständigungen blos burlesk, z. B. wenn Devrient die Goetheschen Verse:
„Was Henker! freilich Händ' und Füße
Und Kopf und H—, die find Dein", in
„Und Kopf und Sinne, die sind Dein".
umdichtet; das von Goethe mit dem Anfangsbuchstaben H bezeichnet Wort hat mit den Sinnen doch nicht die entfernteste Synonymität; — bisweilen sind sie unbegreifliche Entstellungen und Verballhornungen. Dafür nur ein Beispiel.
Die Verfluchung Gretchens durch Valentin ist wohl unbestritten eine der ergreifendsten und erschütterndsten Scenen aller dramatischen Dichtungen. Wer da an starken Worten Anstoß nimmt, wer da nicht empfindet, daß jene starken Worte auf den Lippen des sterbenden Bruders der edelste dichterische Ausdruck der Empfindung sind, der lasse sich begraben. Auf die Lassen haben wir keine Rücksicht zu nehmen, und denen brauchen wir den „Faust" wahrhaftig nicht ohrgerecht zu machen. Die tiefe Verzweiflung des Sterbenden über die Schande seiner Schwester darf keine andere Worte wählen, als die von Goethe gedichteten, die in ihrer Einfachheit Einem durch Mark und Bein gehen: