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Paul Lindau in Berlin.
„Ich sag' Dir's im Vertrauen nur Du bist nun einmal eine Hur';
So sei's auch eben recht!"
Daß darin eine Unanständigkeit verborgen ist, das habe ich erst aus dem Veranständigungsversuche gemerkt. Devrient läßt — ihn trifft übrigens der Vorwurs nicht allein, auch andere Bühnen lassen sich diese verwerfliche Zimperlichkeit zu Schulden kommen — er läßt seinen Valentin sagen:
„Ich sag' dir's im Vertrauen noch:
Eine Dirne bist Du nun einmal doch;
So sei's auch eben recht!"
Damit haben wir in der That viel gewonnen! Daß Gretchen eine „Dirne" ist, wissen wir ja längst! Fausts erste Worte an Mephisto sind:
„Hör', Du mußt mir die Dirne schaffen!"
Mit demselben Rechte wie „Dirne" könnte Valentin von Gretchen sagen:
„Ich sage Dir — es thut mir leid:
Du bist nun einmal eine Maid;
So sei's auch eben recht!"
Scheut man davor zurück, das von Goethe gebrauchte Wort auf der Bühne auszusprechen, — mir ist's freilich unerfindlich, was diese Scheu veranlassen kann — nun, dann streiche man auch lieber diese drei Verse zu dem Uebrigen! Besser die Beseitigung als diese verstümmelnde Verunsinnigung.
Herumreisenden Virtuosen hat Devrient das Kunststückchen abgelernt und sich angeeignet, die Stimme des bösen Geistes von Gretchen selbst sprechen zu lassen, den Dialog zu monologisiren, Beschuldiger und Beschuldigte, Anklage und Partei in eine und dieselbe Person zu vereinigen. Ich habe schon früher an einer andern Stelle ausgesührt, wie diese unnatürliche Verbindung in keiner Weise zu rechtfertigen ist. Sie travestirt die Dichtung und hebt nebenbei auch, indem sie das stumme Spiel Gretchens während der Anklage des bösen Geistes wider -sie unmöglich macht, die gewaltige Bühnenwirkung aus. Wie sich ein Dichter-Regisseur diese Scene denkt, mag hier wiedergegeben werden: „Aus der Säule tritt der böse Geist langsam, leise hervor,
gehüllt in einen Schleier von derselben Farbe, wie sie die Säule hat: grau. Aber er— (oder richtiger: sie, denn eine weibliche, wenn auch tiefe, metallene Stimme muß sprechen) — sie also steht nicht Gretchen gegenüber, nach der herkömmlichen Anordnung, sondern nach Goethes Vorschrift hinter Gretchen, sich immer tiefer auf sie herabbeugend. So raunt sie ihr halblaut, aber scharf, die von dem lateinischen Texte des Requiems unterbrochenen Donnerworte iiüs Ohr".
So sollte es sein, so wie Dingelstedt es vorschlägt! Die Benutzung Gretchens als Sprech-Medium für den bösen Geist gehört in das Gebiet des Spiritismus, nicht in das der dramatrschen Kunst.