Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
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VI. Der zweite Theil. Vorbemerkungen.
Wir wenden uns nun zu dem zweiten Theil des „Faust". Es kann nur hier nicht in den Sinn kommen, der Zahl scharfsinniger Commentare und Erläuterungen, welche diese merkwürdigste Dichtung von Seiten der Aesthetiker Düntzer, Kuno Fischer, von Loeper, Schnetger, Bischer re. erfahren hat, noch einen neuen Deutungsversuch hinzuzufügen. Ich habe mir ja nur vorgesetzt, diesen zweiten Theil als Bühnenwerk und aufseine mögliche Ausführbarkeit hin in's Auge zu fassen. Ich will also berichten, wie Devrient diese Aufgabe zu lösen versucht hat, und welche Vorschläge bezüglich der Aufführung von Dingelstedt und Karl Frenzel gemacht worden sind.
Zunächst muß constatirt werden, daß bei der Behandlung dieses zweiten Theils ein ganz anderer Standpunkt eingenommen und ein anderes Verfahren eingeschlagen werden darf, als bei der des ersten Theils.
Der erste Theil ist die volksthümlichste Dichtung der deutschen Nation, der zweite die wenigst volksthümliche. Jeder gebildete Deutsche kennt den ersten Theil ungefähr auswendig; eine genaue Kenntniß des zweiten Theils besitzen aber nur die literarisch Eingeweihten der höheren Grade. Der erste Theil ist nationales Gemeingut, der zweite fast nur ein Monopol der Goethe- Specialisten. Der erste Theil gleicht dem Garten vor dem elterlichen Hause, in dem wir als Kinder gespielt haben; wir kennen jeden Weg und Steg, jeden Baum und Strauch, jede Blume und Blüthe, und einer jeden, auch der geringfügigsten Veränderung werden wir gewahr; wir vermissen die einzelne Rose, die vom Stocke gebrochen ist. Der zweite Theil starrt wie „Wald und Höhle": in „dumpfem Moos und triefendem Gestein", — ein unheimliches Dickicht mit bedrohlich aufragenden Baumriesen, die unwirthsam den Eingang zu wehren scheinen. Da muß die Axt heran, um Lichtung zu schaffen. Gewaltige Stämme müssen schonungslos niedergehauen werden; und es läßt uns mehr oder minder ungerührt, denn in den gefällten Stämmen haben wir keine vertrauten Freunde zu beklagen.
Daß der zweite Theil einer radicalen Umarbeitung bedarf, um für die Bühne geschickt zu werden, ist eine ckira usesssitas, die von Niemandem bestritten wird. Hier handelt es sich nicht mehr, wie im ersten Theile, uni die Frage, ob diese oder jene schöne Stelle zu streichen oder zu erhalten sei, hier werden ganze Scenencomplexe ohne Gnade und Erbarmen ausgestoßen werden müssen; und die Opfer an dichterischen Geschöpfen, die dem Richtbeil des theatralischen Bearbeiters unrettbar verfallen, sind nach Dutzenden zu zählen. Hier wird gegen den Bearbeiter sich zwar kritischer Widerspruch erheben dürfen; der Pietätlosigkeit aber wird man ihn schwerlich zeihen. Ungleich freier darf er hier mit der Dichtung schalten und walten. Ja, es drängt sich ihm sogar die Nothwendigkeit auf, um die gerissenen Lücken zu füllen, mit einigen Versen ein künstliches Verbindungsglied zu schassen. Allerdings wird er dafür zu sorgen haben, daß die Zahl dieser eingeschobenen