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Paul Lindau inBerlin.
Flickverse eine möglichst geringe sei und deren Beschaffenheit nicht allzu grell gegen das Goetheffche Muster absteche.
So haben es die bisherigen Bearbeiter des ersten Theils gehalten und so wollen es auch die thun, welche die Bearbeitung des zweiten Theils beabsichtigen. Beseitigungen, Verschiebungen, Stellvertretungen, Ausfüllungen sind hier die unerläßlichen Mittel zu dem Zwecke: den zweiten Theil bühnenfähig und bühnenmöglich zu machen.
Derjenige, der es unternimmt, dieses Neuland für das Theater urbar zu machen, hat ein hartes Stück Arbeit vor sich, und wenn das Werk den Meister loben soll, muß von der heißen Stirn viel Schweiß rinnen. Aber es steht ihm das tröstliche Bewußtsein zur Seite, daß er nicht auf das Ungewisse hin arbeitet, daß er ganz genau weiß, was er zu thun hat.
Was hat er zunächst zu thun?
Er hat aus dem Dickicht die anschauliche Bühnenhandlung herauszuhauen: er hat zu beseitigen, was diese verdunkelt und was den freien Blick darauf erschwert. Er hat mit einem Worte: zu sichten und zu lichten.
Diese Handlung ist da. Und der Zuschauer, dem bisher als Leser des zweiten Theils bei dem Gedanken an die Aufführung ein leichtes Gruseln über den Rücken gelaufen ist, als muthe man ihm zu, eine ganz geheimniß- volle, unverständliche Gespenstergeschichte zu vernehmen, wird ganz erstaunt sein, wenn er sieht, wie sich eine lichtvolle und klare dramatische Handlung aus den Brettern vor ihm abspielt, die in allem Wesentlichen ein reizvolles Widerspiel und eine Parallele zum ersten Theil der Handlung bietet.
Erzählen wir so, dem Goetheschen Originale treu folgend, die theatralisch anschauliche Handlung des zweiten Theils in möglicher Kürze und unter gebotener Beseitigung des Entbehrlichen, Ueberslüssigen, Schwer- oder Unverständlichen.
VII. Die Bühnenhandlung des zweiten Theils.
Erster Act. Faust schlummert von Ariel und den Elsen gewiegt auf blumigem Rasen. Bei seinem Erwachen „schlagen des Lebens Pulse" wieder „frisch und lebendig". Der erste Theil seiner Lebenstragödie, Gretchen, liegt abgeschlossen hinter ihm; er rüstet sich zum zweiten. Wir sehen die kleine, dann die große Welt, wie es ihm Mephisto nach Abschluß des Pactes zugesagt hatte; und so werden wir denn gleich in der ersten Scene des zweiten Theils — Faust und die Geister als Vorspiel betrachtet — aus der kleinbürgerlichen Welt, in der wir uns bisher mit Gretchen und Frau Marthe Schwerdtlein bewegt hatten, in die große Welt, in den Thronsaal der kaiserlichen Pfalz, zu dem Kaiser selbst geführt.
Die Zustände des Kaiserreichs sind desolat. Es fehlt an der Hauptsache: am Gelde. Von allen Seiten Klagen und Beschwerden. Mephisto, der als Stellvertreter des unpäßlichen Narren und als Staatsmann, als lustiger wie auch als ernster Rath der Krone, als nmitrs äs xlaisir und als genialer Reform-Minister