392
Paul Lindau in Berlin.
Da wird Faust von eifersüchtiger Leidenschaft überwältigt. Kein Mensch soll ihm das herrliche Weib rauben. Sich selbst und seine Umgebung ganz vergessend, dringt er mit dem Schlüssel bewaffnet auf die Beiden ein, berührt den Jüngling und will Helena mit Gewalt an sich reißen. Da bricht die Explosion aus. Faust wird bewußtlos zu Boden geschleudert, die Geister gehen in Dunst auf und in „Finsterniß und Tumult" schließt der erste Act.
* -i-
*
Zweiter Act. Fausts Studirzimmer aus dem ersten Theil. Faust, von Helena paralysirt liegt — noch immer bewußtlos — auf einem altväterlichen Bett. Mephisto erfährt durch Nikodemus, den Famulus Wagners, der nun „Magister und Doctor" gar heißt, wie dieser letztere die Zeit in dumpfem Brüten verbracht hat. Im allerstillsten Stillen experimentirt der in seinen wissenschaftlichen Grübeleien ganz verstarrte Wagner im Laboratorium:
„Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,
Die Augen roth vom Feuerblasen".
Er arbeitet an der Fabrikation eines Menschen; er will künstlich die belebte Zelle Herstellen; er will den Uebergang vom Anorganischen zum Organischen schaffen.
Bevor sich Mephisto von dem Resultat dieser Experimente überzeugen kann, erhält er den Besuch eines von früher her bekannten Gastes, des „Baccalaureus", den wir als schüchternen, unerfahrenen und wißbegierigen „Schüler" im ersten Theile kennen gelernt haben. Der hat sich nun gar- herrlich entwickelt! Ein frecher Bursche ist er geworden, der in des bräuch- lichen, aber eben darum nicht minder thörichten Wortes wahrster Bedeutung „ausstudirt" zu haben vermeint. Von den Alten kann er nichts mehr
lernen, und „xlues unx ssuirss!" sagt er mit den französischen Romantikern. Der Baccalaureus meint:
„Hat Einer dreißig Jahr' vorüber,
So ist er schon so gut wie todt.
Am Besten wär's, euch zeitig todt zu schlagen".
Der unerhörten Arroganz gegenüber wird selbst Mephisto ein Weilchen kleinlaut, und im stolzen Selbstbewußtsein zieht der Baccalaureus von dannen, dieweil Mephisto nun an Wagner herantritt, der sein Menschenartefact in der Phiole ausglühen läßt.
Homuncnlns ersteht. Das kleine Geschöpf wendet sich undankbar von seinem gerührten Schöpfer, Wagner, ab, schwebt zu dem bewußtlosen Faust hinüber und verkündet Mephisto, daß Faust, wenn dieser hier erwache, auf der Stelle des Todes sein werde, daß ihm aber die Umgebung von Waldquellen, Schwänen und nackten Schönen neues Leben bringen könne. Dazu sei die Gelegenheit günstig! Denn just in dieser Nacht feiern ans den pharsalischen Feldern die klassischen Hexen ihre Walpurgisnacht.
Dahin ziehen denn also auf dem Zaubermantel Mephisto mit dem Ritter Faust, beleuchtet und geführt von dem schimmernden Homuncnlns. Wagner bleibt bei seinem gelehrten Krimskrams daheim zurück.