Heft 
(1880) 42
Seite
393
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- GoethesFaust" als Bühnenwerk. 3si3

Die Scene verwandelt sich. Auf den pharsalischen Feldern begegnen wir den Dreien wieder. Der nun erwachte Faust, der von einer unbe- zwinglichen Sehnsucht nach Helena getrieben wird, trennt sich von den Genossen und forscht nach dem herrlichen Weibe, dem er in dem ungeheuren Gewühl von mythologischen Gespenstern zu begegnen hofft.

Mephisto findet natürlich wegen seiner bekannten Vorliebe für das Gemeine sofort wieder die allerschlechteste Gesellschaft: die Schreckensgespenster der Lamien und Empusen und endlich chie entsetzlichste Scheusalbildung der Phorkyaden, die

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Einzahnig".

Durch Schmeicheleien gelingt es ihm, die Maske dieser ungeheuerlichen Dreieinheit zu gewinnen. Und so erwirbt nun Mephisto, der als nordischer Hexenmeister in dem klassischen Spuk nur hospitiren durfte, und als frecher Eindringling sich alle möglichen unangenehmen Behandlungen hatte gefallen lassen müssen, nunmehr als klassisch immatricnlirter Teufel auch unter den hellenischen Dämonen zeitweiliges Asylrecht.

Faust ans der Suche nach Helena und Mephisto als Phorkyas, befähigt, an dem klassischen Hexenspuk theilzunehmen, somit Helenas Spuren aufzu­finden und Faust zu ihr zu geleiten das ist das Einzige, was die Bühne von dieser ganzen klassischen Walpurgisnacht gebrauchen kann, die in der Dichtung nahezu 1500 Verse zählt und von denen für die Bühnenhandlung kaum 150 erforderlich sein werden vielleicht weniger, jedenfalls nicht mehr.

Der dritte Act umfaßt das edle und wunderschöne Helena-Drama Die Verse von zauberhaftem Wohllaut, deren kunstvollendete Nachbildung der antiken Tragödiensprache den nachdenklichen und andächtigen Leser zum Ent­zücken hinreißt, sind leider für den schnell eilenden Vortrag auf der Bühne nicht geeignet. Sie verlangen ein langsameres, beschaulicheres Genießen. Und wieviel Tragödinnen giebt es denn überhaupt, die diese Verse auch nur sprechen können des verständnißvollen Eingehens auf den Inhalt und der Befähigung des klaren und logisch veranschaulichenden Vortrags ganz zu geschweigen? Von der Bühne herab werden die Strophen der Helena und ihrer Frauen für uns immer schwer verständlich bleiben; und wollte man dieses Helena-Drama, wie es Dingelstedt verlangt, nahezu ungekürzt aussühren, ich fürchte, auch den besten Zuhörer würde eine tödtliche Abspannung er­greifen. Es ist aber allerdings zu verstehen, daß ein Mann wie Dingelstedt, verlockt durch seinen literarischen Feingeschmack an der Schönheit der Sprache und an dem wunderlichen Geschöpfe,das zwischen Himmel und Erde schwebt, zwischen Tod und Leben, zwischen Alt-Griechenland und Neu-Deutschland, zwischen Klassik und Romantik", ein solches Verlangen auf eine möglichst vollständige Erhaltung dieser Goethesichen Dichtung hat aussprechen können.

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