Paul Lindau in Berlin.
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Die bühnenmäßige Handlung dieses Aufzuges, um die ich mich ja hier allein zu kümmern habe, ist die: Phorkyas-Mephisto naht der schönsten
Griechin, die von ihren Gespielinnen und Dienerinnen umgeben ist. Durch Phorkyas-Mephisto erfährt Helena, daß ihr Gemahl Menelaos,
„der das nie vergißt,
Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt", aus Rache nach ihrem Leben trachtet. Ihr erbietet sich in dieser Gefahr ein Retter und Ritter — ein „munterer, kecker, wohlgebildeter Mann", der der Bedrohten in seiner Burg „so Wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl", sicheres Obdach gewähren will. Dem Schutze des Ritters Faust möge sie sich vertrauen. Und als nun wirklich Trompeten in der Ferne das Herannahen der Rächerschaar des Menelaos verkünden, folgt Helena durch Wolken und Nebel dem Führer Phorkyas in eine ihr fremde Zeit und Welt. Der Burghof, umgeben von reichen phantastischen Gebäuden des Mittelalters, auf die die erstaunten Blicke der antiken Frauen fallen, nimmt Helena und ihr Gefolge aus. Der mittelalterlich romantische Ritter Faust tritt mit ehrerbietigen Worten der holden Königin aus dem klassischen Alter^hume entgegen, sich galant entschuldigend, daß ihr kein würdigerer Empfang bereitet worden sei und von der Gebieterin die Bestrafung des säumigen Thurmwüchters, der die Meldung unterlassen, erbittend.
Die sich an diese Begrüßung anschließende wundervolle Minnescene zwischen Faust und Helena (III, Vers 868 — 931), von der ein großer Theil erhalten bleiben kann, wird durch den Unheilsboten Phorkyas-Mephisto unterbrochen. Menelaos, so berichtet er, ist den Flüchtigen nachgesetzt:
„Das Verderben ist nicht weit.
Menelas mit Volkeswogen Kommt auf euch herangezogcn;
Rüstet euch zu herbem Streit!"
Der Aufbruch zum Kampfe Fausts mit seinen Rittern gegen Menelaos mit seinen Griechen beschließt diesen ersten Theil des Helena-Dramas.
Die unmittelbare Wiederanknüpfung des abgerissenen Liebesfadens, die Wiederaufnahme des verliebten Getoses, die Vermählung Fausts mit Helena — die Verbindung des mittelalterlich germanischen und des antik hellenischen Geistes — und die eigenthümlich nervöse, reizvolle und geniale, aber innerlich krankhafte Frucht dieser Verbindung: die Geburt Euphorions, wird sich auf der Bühne nicht wie in der Dichtung ohne einen tieferen Einschnitt an den Aufbruch zum Kampf gegen Menelaos anreihen lassen dürfen. Da ist, wie Frenzel ganz richtig bemerkt hat, eine Pause nothwendig; sonst kommt in diesen schönen Theil des' Helena-Dramas auf der Scene eine unerwünschte Komik.
Geht es auch in dieser herrlichen Phantasmagorie, die sich an Ort und Zeit nicht binden will, bunt genug zu, — der herabfalleude Vorhang muß der Phantasie des Zuschauers zu Hülfe kommen, um ihm das Entstehen und Aufwachsen des lieblichen Euphorion klar zu machen.