254
Zügen, einer unter vielen, in deren Gesammtheit er wie verloren gehen oder doch übersehen werden kann; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor, und nm so mehr, je weniger er die Herrschaft zu theilen hat. Dieser Sektirerzug, in dem sich Sinnlichkeit und Entsagung, Hochmuth und Demuth mischen, lag auch in Müller Miekley ausgesprochen, der im übrigen ein gewissenhafter Mann war, aus Hausehre hielt und sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen hatte. Es konnte dies geschehen, ohne nach irgend einer Seite hin Anstoß zu geben, da Miekley nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war, vielmehr regelmäßig die Predigten Seidentopfs hörte und nur alle Vierteljahr einmal aus dem „tiefereil Quell" des Kandidaten Uhlenhorst schöpfte, wenn dieser, das Bruch und die Neumark bereisend, in Hoheu-Sathen alle Konventikler von diesseits lind jenseits der Oder um sich versammelte. Das war denn freilich ein Fest- und Ehrentag. Alles ruhte, das beste Gespann kam aus dem Stall, und wenn die Wege grundlos gewesen wären, unser altlutherischer Müller hätte sich's zur ewigen Sünde gerechnet, das Manna versäumt zu haben.
Miekley setzte sich links neben Kümmeritz. Dieser, wohl wissend, daß jetzt ein geistlicher Diskurs unvermeidlich geworden sei, kam ihm zuvor und fragte: „Nun, Miekley, wie hat Euch heute die Predigt gefallen?"
„Gut, Kümmeritz, von Herzen gut, trotzdem er nichts davon gesagt hat, daß uns an diesem Tage zu Bethlehem im judäischen Lande das Heil geboren wurde. Noch weniger hat er von dem „eingeborenen Sohn Gottes" gesprochen. Uhlenhorst würde den Kopf geschüttelt haben. Aber er hat gesprochen wie eili braver Mann. Ich kenn' ihn wohl, er hat ein preußisches Herz."
„Und ein christliches dazu," riefen die anderen alle wie aus einem Munde.
„Er zetert nicht," nahm Kallies das Wort, „er verdammt nicht; er ist kein Pharisäer. Er hat die Demuth, Miekley, und das ist die Hauptsache."
„Sahnepvtt hat recht," bekräftigte Kümmeritz. „Da ist kein zweiter hier herum, der sich mit unserm Seidentopf messen könnte. Er hat nur einen Fehler, er ist zu gilt und zu leichtgläubig, und sieht alles wie er es wünscht. lieber der Aegyptcr Heer, so sagte er, seien die großen Wasser zusammen geschlagen, aber König Pharao sitzt wieder in seiner Hauptstadt und spinnt die alten Fäden. Noch sind wir im Bündniß mit ihm, und der Himmel mag wissen, ob wir gnädig von ihm los kommen. Geb' uns Gott einen ehrlichen Krieg."
„Den wirst Du haben, Kümmeritz," warf hier Miekley ein, der sich trotz seines Lutherthums einen starken Glauben an Spuk- und Gespenstergeschichten bewahrt hatte, „den wirst Du haben und wir alle mit Dir. Die Alt-Landsberger Mäher haben wieder gemäht, und jeder von Euch weiß, was das bedeutet. Sie haben sieben Tage gemäht, ehe der alte Fritz in den Krieg zog, und die Stoppeln waren damals so roth, als ob es Blut geregnet hätte. In diesem November haben sie wieder gemäht auf kahlem Felde."
„Und von Sonnenuntergang her," rief Scharwenka dazwischen, „das will sagen, daß der Feind von Westen kommt. Wir werden die Franzosen wieder im Lande haben, neues, frisches Volk, mit all seinen alten Kniffen und Pfiffen, und wer eine Tochter im Hause hat, der mag sich vorsehen. Sie haben eine freche Art und die Weiber laufen ihnen nach."
„Das sollen sie nicht," versicherte Miekley, „und wo sie's
thun, da falle die Schande ans uns. Wo böse Lust über Nacht in die Halme schießt, da lag von Anfang an eine schlechte Saat in den Herzen, wo aber Zucht ist und Sitte und Gebet, da hat der Böse keine Macht, auch wenn er sich in einen schlechten Franzosen verkleidet."
Alle nickten znstimmend. „Aber," fuhr Müller Miekley fort, „sie sind doch ein Greuel, nicht weil sie leichtfertig sind, nein weil sie ein unheiliges Volk sind. Sie haben sich vermessen, den ewigen Gott des Himmels und der Erde von Thron und Herrschaft abzusetzen, und beinahe schlimmer noch, sie haben sich vermessen, ihn wieder einzusetzen. Nun haben sie wieder einen Gott, aber er ist auch danach; es ist kein rechter Christengott, es ist blos ein französischer Gott, ein ab- und eingesetzter. Sie kennen nur den Götzendienst ihres Kaisers, aber keinen Gottesdienst, und so oft ich all die Jahre über einen Franzosen in unseren Kirchen gesehen habe, so war es nur, um Unheil anznrichten."
„Sie haben die Fransen von der Altardecke getrennt; sie haben die goldenen Stickereien ausgeschnitten; sie haben die Leuchter eingeschmolzen," riefen mehrere dazwischen.
„O, Sie haben Schlimmeres gethau, nicht hier, aber in unserer Nachbarschaft. Den Görlsdorfer Pastor, der das Kirchen- gut versteckt hatte, haben sie bis unter die Achselhöhlen eingegraben und sind erst in sich gegangen, als er sie bat, ihn todt zu schlagen, anstatt ihn zu martern. In Hohen-Finow haben sie den Abendmahlswein getrunken und schlechte Lieder gesungen; dann haben sie den Altartisch ans der Kirche ans den Kirchhof getragen, haben ihre Tenfelsknöchel in den Abendmahlskelch gethan und haben gewürfelt. In die Gruft sind sie hinabgestiegen und haben der jnngvcrstorbenen Frau die seidenen Kleider abgerissen."
„Das haben sie gethan," siel jetzt Sahuepott mit Wichtigkeit ein, der wie alle schwachen Naturen eine Neigung znm Uebertrumpfen hatte, „aber in Haselberg haben sic es büßen müssen, wenigstens einer. Die Haselberger Gruft ist, was sie eine Mumiengrust nennen, es soll ihrer mehrere aus den: Hohen- Barnim geben. Die Franzosen nun, als sie die Särge aufbrachen, da sahen sie, daß die Todten unverwest waren. Das gab ein Lachen. Da trugen sie den einen Sarg ans der Gruft in die Kirche, nahmen den Todten heraus, und da seine Arme beweglich waren, beschlossen sie ihn zu kreuzigen. Sie stellten ihn an die Altarwand und schlugen zwei Nägel durch seine Hände. Die eine Hand aber löste sich wieder ab und gab im Niederfallen dem einen der Missethäter einen Backenstreich. Das entsetzte ihn, daß er todt zu Boden stürzte."
„Den hat Gott gerichtet," rief Miekley. „Und solch Schlag wird sie alle treffen, und müßten die Todten auserstehen."
„Ehe aber Gott seine Wunder thut," so schloß Kümmeritz das Gespräch, „sollen wir uns seiner Wunder würdig machen. Nicht wahr, Miekley? Wir sollen die Hände nicht in den Schoß legen. Die Alt-Landsberger Mäher haben gemäht; wenn der König ruft, wer von uns noch Kraft hat zu mähen, der mähe mit. Ich bin's entschlossen. Das letzte für Preußen und den König."
Die Bauern standen auf und gingen nach entgegen gesetzten Richtungen hin die Dorfgasse entlang. Nach Norden hin glühte ein rother Schein am Himmel auf.
„Ist das Feuer?" fragte Krull.
„Nein," sagte Miekley, „es ist ein Nordlicht, der Himmel gibt seine Zeichen." (Fortsetzung folgt.)
Uerjontiche Erinnerungen aus den Jahren 1848—1850.
Nachdruck verboten. Ges. v. ll./VI. 70.
II.
Wenn die neueste Zeit irgendetwas in das rechte Licht gestellt hat, so ist es vor allem die Thatsache, daß die Neugestaltung Preußens und Deutschlands durch die Haltung Rußlands bedingt war und daß deshalb alle Bestrebungen, so wohlgemeint sie auch sein mochten, als von Hause aus verfehlt bezeichnet werden mußten, insoweit sie nicht mit diesem Factor
zu rechnen verstanden. Um Mißverständnisse zu vermeiden, will ich dabei die Bemerkung nicht unterlassen, daß Rußlands entscheidende Stellung schon damals weniger auf seiner hervorragenden militärischen Macht als vielmehr darauf beruhte, daß die übrigen europäischen Großmächte, Oesterreich und Frankreich nicht minder als England, zweifellos Gegner der Neugestaltung und Erstarkung Deutschlands waren und sein mußten, und