Heft 
(1878) 16
Seite
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daß Rußland somit diejenige Großmacht war, welche als Al- liirter die Möglichkeit des Gelingens in Aussicht stellte, als Gegner aber den Widerspruch Europas zu einem unüberwind­lichen machte.

Dies mag insbesondere allen denen gesagt sein, welche auch heute noch nicht müde geworden sind, das WortOlmütz" gegen das Ministerium Brandenburg-Manteusfel als einen Bannspruch zu verwerthen und das Scheitern des deutschen Verfassungswerkes bis auf einen gewissen Punkt als das Re­sultat böslicher Schwäche des letztgenannten Ministers darzustellen.

Eine derartige Kritik mochte zu jener Zeit, wo man Po­litik wie auf einer wüsten Insel trieb, wo man die Phrase als einen schöpferischen Act und ein Zweckessen als die Blüthe des Patriotismus betrachtete, eine Entschuldigung finden; heute, wo man die Erfahrung hinter sich hat, daß die deutsche Frage nurmit Blut und Eisen" zu lösen war, und daß es der vollen militärischen Kraft des gesammten Deutschlands bedurfte, um dessen Neugestaltung gegen Frankreich sicher zu stellen, heute, wo man kaum noch darüber zweifelhaft sein kann, daß ein Veto Rußlands im geeigneten Momente sowohl die Bildung des nord­deutschen Bundes als des deutschen Reiches zu hindern ver­mochte, heute sollte man es billig jenen Männern danken, welche Preußen vor einer abenteuerlichen Politik bewahrt und es da­durch ermöglicht haben, daß Preußen demnächst mit seinem alten Schwergewicht in die wirkliche Action einzutreten vermochte.

Dazu kam der eigenthümliche Nimbus, welcher zu jener Zeit die Person des Kaisers Nikolaus umgab, sowie die Festig­keit seines Charakters, der gegenüber jeder Versuch, ihn von seinem bisherigen Wege abzubringen, als unbedingt aussichts­los erschien. Für diese Charakteristik wird es nicht uninteres­sant sein, an die Antwort zu erinnern, welche Friedrich Wil­helm IV. am 23. März der von ihm empfangenen polnischen Deputation ertheilte. Es heißt darin:Auf das Wort dieses Kaisers kann ich mich fest verlassen, denn sein Entschluß ist unerschütterlich und er ein Mann von eisernem Willen, von dem edelsten und festesten Charakter, der mächtigste, weiseste, der alleinige unter den Souveränen Europas, der seine Macht mit unerschütterlicher Kraft und Energie aufrecht zu erhalten weiß. Sein Wort ist ja, ja, nein, nein."

Auch für Rußland hat es bekanntlich erst der Erfahrungen des Krimkrieges bedurft, um einen Wechsel der Politik in Eu­ropa zu ermöglichen.

Jndeß in Preußen der Wahlkampf entbrannte, verblieb die Verfassungsmache in Frankfurt in ihrem bisherigen Gange und man muß noch heute beklagen, daß dabei so viel Wissen und Witz, Geist und Patriotismus ohne reelle Frucht verpufft wurden.

Ich habe in jenen Tageil wiederholt Gelegenheit gehabt, die Ansichten maßgebender Personen über das Fortschreiten un­serer Entwickelung zu vernehmen, doch waren es verhältnißmäßig nur wenige, welche sich bereits wieder so weit ernüchtert hat­ten, um mit benannten Zahlen zu rechnen. In der Mehrzahl behauptete noch immer diejenige Macht den Plan, mit welcher selbst die Götter vergebens zu kämpfen versuchen.

Je mehr die parlamentarischen Verhandlungen sich in die Länge zogen und sich loslösend von den realen Parteien zu einem Fraetionsstreite innerhalb des Parlamentes selbst aus­arteten und je weniger die Masse des Volkes hierbei für sich die gehoffte Befriedigung fand, um so mehr sank natürlich auch die Paulskirchen-Versammlung in der allgemeinen Achtung, so- daß aus der einen Seite die Regierungen sowie die Diplomaten bereits nach den Fleischtöpfen des verlassenen Bundestages zurück­zuschauen begannen, die fortgeschritteneren Elemente aber sich rüsteten, auf den Weg der Republik einzulenken und an die Entscheidung der Waffen zu appellireu, so lauge sie noch hoffen durften, die Masten noch einmal mit sich fortreißen zu können. Unfähig, den französischen Zuständen auf den Grund zu schauen, gewährte diesen das factische Fortbestehen der Republik in Frank­reich noch immer die trügerische Hoffnung, ihre Bestrebungen von dort aus unterstützt zu sehen, während man sich in Paris bereits anschickte, den Neffen des Onkels auf die erste Stufe des Kaiserthrones zu setzen.

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Der Ausgangspunkt hierfür war bekanntlich der im Namen des Königs von Preußen durch den General v. Below mit den Dänen abgeschlossene Waffenstillstand von Malmö, welcher Sei­tens der Frankfurter Versammlung auf den Antrag Dahlmanns am 5. September zuerst verworfen und demnächst, als es weder Dahlmann noch dem Bayern v. Hermann gelingen wollte ein neues Ministerium zu bilden, welches sich getraute, den Krieg gegen Dänemark ohne Preußen fortzuführen, bei einer noch­maligen Abstimmung am 16. September im Widerspruch mit sich selbst dennoch acceptirt wurde.

Schon während der Debatte am 5. hatte Simon von Bres­lau eine Erhebung des Volkes angekündigt,die alle vier und dreißig deutschen Throne ausrotten und insbesondere das preu­ßische Gouvernement unter blutigen Zuckungen vernichten würde". Der Anfang sollte in Frankfurt selbst mit der Paulskirche ge­macht werden, wo man die Versammlung in der Weise Crom- wells zureinigen" und einen Convent allein aus der Linken zu bilden gedachte. Das Mißlingen des auf der Pfingstweide eingeleiteten Aufstandes ist bekannt. Man hob die revolutio­nären Vereine auf, erklärte die Stadt in Belagerungszustand, in Folge dessen mehrere der kühnsten Demokratenführer von dort verschwanden: Robert Blum und Fröbel nach Wien, Ar­nold Rüge und andere nach Berlin, in der Hoffnung hier bes­sere Anknüpfungspunkte zu finden. Zugleich erging dann unter dem 3. Oktober von Berlin aus ein Aufruf desCentralaus­schusses des demokratischen Deutschlands", worin das Frankfurter Parlament alsmit Schmach beladen" verworfen, im Namen der Volkssouveränetät gegen fein Fortbestehen protestirt und ein allgemeiner Demokraten-Congreß als Vorläufer des beabsichtig­ten Convents auf den 26. nach Berlin ausgeschrieben wurde. Die Excesse, welche sich hieran schlossen, der blutige Zusammen­stoß zwischen Arbeitern und Bürgerwehr am 16., die Bedrohung der preußischen Nationalversammlung am 18., die Volksver­sammlung am 29. und selbst die Sturmpetition des Herrn D'Ester am 30. brachten zwar wieder viel Skandal, doch waren auch hier Muth und Energie verhältnißmäßig sehr gering. Man wartete auf den Sieg der Demokratie in Wien, wo der Sicherheits-Ausschuß und die Aula neben dem Ministerium und dem Reichstag herrschten; wo die Revolution, geschürt von Kos- suth und unterstützt durch die ihm anhängende Partei in Ungarn, weitaus größere Dimensionen angenommen hatte und wo Robert Blum als kleiner Danton mit einer donnernden Rede in der Aula zum schonungslosen Morde allerinneren Feinde" in Wien selbst aufgefordert hatte. Glücklicher Weise war indeß auch hier der Mund größer als das Herz und bereits am 31. gelang es dem Fürsten Windischgrätz, die Revolution in Wien vollständig niederzuschlagen.

Der Rückschlag dieser Niederlage der Demokratie sowohl auf Berlin wie auf Frankfurt war selbstverständlich. Nicht allein daß sie in Preußen den Entschluß zeitigte, definitiv mit der preußischen Nationalversammlung zu brechen, sie veränderte auch von Grund aus und zwar je länger desto mehr die Stel­lung der deutschen Nationalversammlung sowohl in sich selbst als in ihrem Verhältniß zu den beiden mächtigsten deutschen Staaten Preußen und Oesterreich.

Oesterreich, dem es gelungen war, die mit ungleich größerer Energie auftretenden italienischen Einheitsbestrebungen zurück­zudrängen, war keineswegs gewillt, sich ohne Weiteres aus Deutschland hinausvotiren zu lassen, zumal nachdem die Krone von dem Haupte Ferdinands auf das seines Neffen Franz Joseph übergegangen und der Fürst Felix Schwarzenberg zur Leitung der Geschäfte berufen war.

Nicht minder aber stemmte sich in Preußen sowohl die partikularistische als die monarchische Gesinnung je länger desto mehr dagegen, der Frankfurter Versammlung eine aus der ver­meintlichen Volkssouveränetät resultirende konstituirende Befug- niß über die Vertretungen der einzelnen Staaten sowie über die Häupter der Fürsten hinweg zuzugestehen.

Wie lebendig dies Gefühl gerade in dem Könige von Preußen war, davon hatte er bereits am 15. August gelegent­lich des Dombau-Festes in Köln Zeugniß abgelegt, indem er zu Herrn v. Gagern, welcher dort mit einer Parlaments-Depu-