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tation erschienen war, die historischen Worte sprach: „Vergessen Sie nicht, daß es noch deutsche Fürsten gibt und daß ich einer davon bin." Nichts desto weniger vermochte die Frankfurter Versammlung sich nicht von ihrer Souveränetäts-Jllusion zu trennen, ja es schien fast, als ob sie sich um so krampfhafter daran klammerte, je mehr sie den realen Boden unter ihren Füßen schwinden fühlte und nach dem ersten Rausche der Begeisterung die kalte und nüchterne Wirklichkeit ihr entgegentrat.
So sehr man sich deshalb auch bemühte, durch die Be- rathung der Grundrechte Zeit und wenn möglich auch die verlornen Sympathien wiederzugewinnen, so sah man sich doch bald vor die Alternative gestellt, entweder, mit Ausnahme Oesterreichs, das ganze übrige Deutschland unter einem preußischen Kaiser zu vereinigen oder aber mit größeren oder geringeren Modifikationen zur alten Bundesverfassung zurückzukehren.
Obschon Herr v. Gagern bereits während seiner Anwesenheit im November in Berlin bei seinen Unterredungen mit dem Könige nicht darüber in Zweifel gelassen war, daß der König die Kaiserkrone so wie sie geboten wurde, ablehncn werde, so ließ man sich in Frankfurt dadurch doch nicht abhalten, die Erledigung der Obcrhauptsfrage in der eingeschlagenen Richtung weiter zu bewegen. Man nahm an, daß ein tüit aeoompli nach allen Seiten schwer genug wiegen würde, um eine dem- nächstige Zurückweisung als unthunlich erscheinen zu lassen. Außerdem fehlte es nicht an Personen, welche schlimmstenfalls auf eine gewisse Uneinigkeit in dem königlichen Hanse von Preußen spekulirten, wie denn der damalige bayerische Minister v. Beisler sich nicht entblödete, öffentlich in der Kammer auszusprechen: „man sage zwar, der König von Preußen werde die Kaiserkrone nicht annehmen; aber das werde sich machen. Sind einmal die Vertreter Oesterreichs aus der Paulskirche verdrängt, dann wird man sehen, daß allenfalls das Hans Hohenzollern mehrere Prinzen habe." Wie jedermann wußte, war damit der damalige.Priuz von Preußen gemeint und insofern hat der Herr v. Beisler allerdings richtig prophezeit. Freilich hat der Kaiser Wilhelm die Kaiserkrone demnächst aus anderen Händen angenommen.
Der Reichsverweser Erzherzog Johann, welcher von feinem Standpunkte aus verständiger Weise den Herrn v. Schmerling zum Reichsminister der auswärtigen Angelegenheiten ernannt und von Wien aus die geheime Instruktion empfangen hatte, mit Rücksicht auf die Verwickelungen Oesterreichs in Italien und Ungarn zu temporisiren und die Centralgewalt wenn irgend möglich nicht in die Hände Preußens fallen zu lassen, unterstützte selbstverständlich die dem Herrn v. Gagern und seinem Anhänge widerstrebende Partei, welche darauf den Namen der großdeutschen Partei annahm und der Gagcrnschen oder preußischen als der sogenannten kleindeutschen mit einem Programme gegenüber trat, welches schon sehr wieder nach dem alten Bundestage schmeckte und diesen nur dadurch zu verschönern verhieß, daß neben demselben eine Vertretung der deutschen Nation, ein Volkshaus, etablirt werden sollte.
Nichtsdestoweniger gelang es der preußischen oder kleindeutschen Partei Schritt vor Schritt, die österreichische oder großdeutsche zu majorisiren, obschon der Fürst Schwarzenberg bereits im December dem Gagernschen Programme gegenüber die bestimmte Erklärung abgegeben hatte, Oesterreich werde nicht dulden, weder daß man es vom deutschen Bunde ausschließe, noch daß man seine deutschen Provinzen vom österreichischen Einheitsstaate trenne, um sie dem neuen deutschen Reiche einzuverleiben. Es wird hierbei nicht ohne Interesse sein, einen Blick auf die eigenthümliche, anscheinend sich widersprechende Komposition jener beiden sich gegettüberstehenden Parteien zu werfen. Unzweifelhaft würde es der Wahrheit nicht ganz entsprechen, wollte man die sogenannten großdeutschen Bestrebungen, wie dies damals vielfach geschah, lediglich auf egoistische Interessen sei es der Regierungen, sei es einzelner Personen zurückführen, denn wenngleich das Gros dieser Partei aus solchen Leuten bestand, welche wie die österreichischen Abgeordneten ihr specielles Vaterland in den Vordergrund stellten, sowie ans Katholiken, welche ein protestantisches Reichsoberhaupt zurückwieseu, so fanden sich darunter doch auch andere, deren Einheitsbedürfniß Kleindeutschland
nicht genügte, und die um deßwillen nach einer Form suchten, welche das Verbleiben Oesterreichs in Deutschland ermöglichte. Ebenso war die kleindeutsche Partei aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt, ans Personen, denen, wie dem alten Vater Arndt, ihr eigenes Lied entgegengesnngen wurde, und zu einem nicht geringen Theile ans Männern, die genau genommen gerade nicht allzu sehr für Preußen schwärmten, die aber um jeden Preis von der Misdre der früheren deutschen Kleinstaaterei erlöst sein wollten.
Begreiflicher Weise war auch Herr v. Radowitz mit seinen direkten Verhandlungen in Wien nicht besonders glücklich. Oesterreich gestand zwar ein Volkshaus zu, beharrte aber im übrigen dabei, ein Direktorium der mächtigsten Bundesfürstcn als Oberleitung (sieben Fürsten mit neun Stimmen) und eine Ein- theilung des gesummten deutschen Bundes in Kreise zu erlangen.
In dieser einigermaßen zugespitzten Situation erschien dann plötzlich ein Mann auf der politischen Bühne in Berlin, welcher später zur Zeit des Krimkrieges noch einmal in einer- ähnlichen Thätigkeit erblickt worden ist, nämlich Herr Bunsen, der damalige preußische Gesandte in London.
Ich glaube so weit unterrichtet zu sein, die Behauptung vertreten zu können, daß die Ankunft des Herrn Bunsen in Berlin mit der bald darauf in Frankfurt erfolgenden Abstimmung vom IN. Januar, in welcher sich die Panlskirchc mit 258 gegen 211 Stimmen in der Oberhauptsfrage für einen j regierenden Fürsten entschied, in einer gewissen Wechselwirkung j
stand, und daß insbesondere das preußische Umlaufsschreiben !
vom 28. Januar, in dem nachgewiesen wurde, daß der Großstaat Oesterreich als solcher nicht in den deutschen Bund passe ^ und danach ein kleindeutscher Bund empfohlen wurde, ans jenen ! Einfluß zurückgeführt werden muß. Man schloß dies damals auch in weniger unterrichteten Kreisen aus dem eigenthümlichen ! Zusatze, daß von diesem engeren Bunde außer Oesterreich auch Luxemburg und Holstein mit Schleswig ausgeschlossen bleiben ^ sollten, eine Clausel, die man damals mit gutem Grunde auf Lord Palmcrston zurückführte.
Gegen den ferneren Beschluß vom 25. Januar, nach welchem dem Oberhanpte des neuen Reiches der erbliche Kaisertitel verliehen werden solle, legten dann außer Oesterreich auch die Königreiche Verwahrung ein, doch gelang es später v. Gagern, die in Frankfurt anwesenden Botschafter von sechs und zwanzig der kleinen und kleinsten deutschen Staaten für den preußischeil Plan zu gewinnen.
Für den Unterrichteten war es indes; schon damals kein Zweifel, daß Oesterreich mit Bewußtsein und Konsequenz nach den alten Zuständen zurückstrebe und auch seinerseits nur tem- porisire, bis es nach Niederwerfung des Aufstandes in Italien und Ungarn in Deutschland wieder mit seiner ganzen Kraft auftreten könne. Um eine gesonderte Behandlung der deutschen Provinzen Oesterreichs unmöglich zu machen, octroyirtc Fürst Schwarzenberg bereits am 4. März eine neue Verfassung, in welcher die Einheit und Untheilbarkeit der österreichischen Monarchie ausgesprochen und dem Sonderthum aller seiner bisherigen nationalen Glieder ein Ende gemacht wurde und durchkreuzte selbst die Bestrebungen der großdeutschen Partei insofern, als er einer nach Olmütz gesandten Deputation derselben keinen Zweifel darüber ließ, daß Oesterreich Frankfurt überhaupt nicht stärken und dort keine Macht begründen helfen wolle, von der es irgendwie abhängig werden könne.
Die Unsicherheit, welche durch Herrn Bunsen wiederum in die preußischen Entschließungen gebracht war, machte sich natürlich auch in Frankfurt fühlbar. Nur dadurch wird es erklärlich, daß die preußische Partei daselbst, in sonst unbegreiflicher Verblendung, es verschmähte, nunmehr wenigstens über den einzuschlagenden Weg und die zu fassenden Beschlüsse eine volle Verständigung mit Preußen zu suchen. Man konnte sich des bisherigen Selbstgefühls, Repräsentant der Souveränetät der deutschen Nation und eine konstituirende Versammlung zu sein, nicht entäußern, und man gab sich außerdem der Illusion hin, daß es dem Vermittler aus London gelingen werde, das preußische Gouvernement auch noch zu weiteren Konzessionen zu bestimmen.