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Melchior Dinglinger, der Meister des grünen Gewölbes in Dresden.
Bon Georg HM.
(Mit Porträt auf S. 25g,)
Das grüne Gewölbe zu Dresden hat schon frühzeitig den Ruf genossen, ein Aufbewahrungsort der kostbarsten und seltensten Kunstwerke zu sein. Es ist freilich darüber zu streiten und der Begriff sehr dehnbar, was man ehemals alles unter Kunstwerken verstanden wissen wollte — ein Perlenzwerg, ein im Kerker von einem Gefangenen gefertigtes Schnitzwerk, die mit tausenden von Schriftzügen bedeckte Oberfläche einer Kokosnuß, kurz viele Gegenstände, welche heute in die Rubrik der Kuriositäten ^versetzt werden, belegte der Eifer der Vorfahren sämmt- lich mit dem Namen von Kunstwerken.
Das grüne Gewölbe hat indessen jederzeit einen solchen Schatz von wirklichen Kunstarbeiten besessen, daß diese allein schon genügend waren, um der Sammlung hohen Werth zu verleihen, unter dessen Bedeutung eine Menge des minder Kunstvollen total verschwand oder doch von jenem weit überragt, als das, was es in der That war: als kuriose Beigabe angesehen wurde, bis es allmählich ganz aus der Menge des wahrhaft Schätzenswerthen verschwand.
Das grüne Gewölbe war ursprünglich nur eine jener Kunst- kammern, wie solche ehemals in jedem fürstlichen Schlosse zu treffen sein mochte, wo mehr oder weniger kostbare Gegenstände, häufig ohne jedes System, gesammelt wurden. So finden sich ja schon auf Schloß Ambras, in Prag unter Rudolf II, in Berlin unter Georg Wilhelm u. s. w. solche Kunstkammern.
Kurfürst August (1553 — 86) hatte über seiner Wohnung im Schlosse zu Dresden eine ähnliche Sammlung angelegt, welche mathematische Instrumente, Bilder, Seltenheiten aller Art enthielt, daneben auch wirklich werthvolle Stücke, die heute noch in der Sammlung des grünen Gewölbes enthalten sind. Auch die vielfach vorhandenen, zum Theil sehr kostbaren Juwelen befanden sich in jener Kunstkammer, und allmählich wurde dieser Privatschatz vermehrt, da es Sitte geworden, daß fürstliche Personen sich gegenseitig mit kostbaren Gefäßen, Kunst- gegenständen und edlen Steinen an Namens- und Geburtstagen, zu Weihnachten und Neujahr beschenkten.
Das Unterbringen dieser Schätze fand nach älteren Mittheilungen im Erdgeschosse der Wohnung des Kurfürsten, also wohl im Lokal des heutigen grünen Gewölbes statt, welches mit den Zimmern des hohen Besitzers durch eine geheime Treppe oder dergleichen in Verbindung stand. Die Kostbarkeiten der älteren Sammlung wurden diesem neuerworbenen Schatze einverleibt. Es lag in dem Charakter jener Zeit, daß die also aufgespeicherten Erwerbungen mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben wurden. Dieser Zug findet sich mit geringen Ausnahmen fast bei allen Besitzern. „Geheime Kammer", „secrete Kammer", „Privatgewölbe" oder „geschlossenes Gewölbe", so wurden jene Orte benannt, welche die Wunderdinge bargen. Kurfürst Augusts Kämmerer war der Verwalter der Schätze, und amtliche Verschwiegenheit lag ihm ob. So kam es denn, daß von dem Vorhandensein der werthvollen Gegenstände fast gar nichts bekannt gemacht wurde, oder — wenn irgend ein Begünstigter seine Blicke in die geschlossenen Räume werfen durfte — eine Menge von Ilebertreibungen und Gerüchte in die Welt hinausposaunt wurden.
Schon im Jahre 1610, dann 1640, erhielt das grüne Gewölbe bedeutenden Zuwachs. Alte Jnventarien geben Zeug- niß dafür. Die Nachfolger Kurfürst Augusts sorgten sogar durch testamentarische Verfügung für die Mehrung der Schätze; Johann Georg II, selbst der kriegerische Johann Georg III haben die Sammlung ansehnlich bereichert. Was die Entstehung des Namens „grünes Gewölbe" anbetrifft, so weichen die Ansichten auseinander. Nach den alten Plänen der Stadt Dresden, nach Zeichnungen des Schlosses und seiner Umgebung, liefen Gartenanlagen bis an die Thür des grünen Gewölbes, und jene zogen sich wieder zur damaligen Stadtbesestigung und zum grünen Thore. Nach anderen Mittheilungen soll die grüne Farbe, eine Wappenfarbe der sächsischen Raute, die mit besonderer Vorliebe angewendet wurde, auch dem Lieblingswerke
XIII. Jahrgang. 16 . d.*
der erlauchten Besitzer — dem Königsgewölbe — seinen Beinamen: des grünen verliehen haben, denn ehedem standen die hervorragendsten Gegenstände der Sammlung in grünange- strichenen Schränken oder auf grünbehangenen Tafeln.
Das Gewölbe verdankt seine heutige, überaus prächtige und künstlerische Einrichtung, die ganze Ordnung der bedeutend vermehrten Sammlung, die Sichtung derselben von dem schon oben erwähnten — künstlichen, kuriosen und lediglich sonderlichen Tand — der Munificenz, Prachtliebe und dem Kunstgeschmacke Augusts II, des Starken, Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen. Eine Feuersbrunst, welche im Schlosse ausbrach und bis in die Nähe der ehemaligen Kunstkammer drang, brachte die Kostbarkeiten in Gefahr. Der König ließ deshalb die Sammlung, welche in Folge ihrer schleunigen Rettung ziemlich wild durcheinander lag, ordnen und die größten und schönsten Knnstarbeiten derselben in den erweiterten Räumen des grünen Gewölbes ausstellen, dieselben auch so reich und geschmackvoll verzieren, wie wir sie heute noch vorfinden.
Die namhafteste Bereicherung unter Augusts Nachfolgern fand im Jahre 1832 statt, wo nach Auflösung der im Zwinger befindlichem Sammlung wohl 500 Stücke in das grüne Gewölbe abgegeben wurden, aus denen die besten einen Platz in dem Gewölbe fanden, welches in seiner heiteren Pracht, in dem künstlerischen Reichthum, der sich vor den Blicken des Beschauers entfaltet, einen unbeschreiblich wohlthuenden und anregenden Eindruck macht. Selbst die Gegenstände, welche die Kunstwerke tragen: Tische, Konsolen re. sind an sich schon von künstlerischem Wertste. Eingetheilt ist das Gewölbe in acht verschiedene Räume: 1) Bronzen, 2) Elfenbein, 3) Mosaiken, Korallen- und Bernsteinarbeiten w., 4) Gefäße in Silber, Gold, Rubinglas von Kunkel, 5) Gefäße aus edlen Steinarten, Krystallarbeiten, Holzbildnereien, 6) Kleinoden, Perlen, 7) die polnischen Königsinsignien, 8) die Dinglingerschen Kabinetstücke, kostbare Waffen, der Jnwelenschatz.
Es kann selbstverständlich hier nicht eine Beschreibung der Kunstwerke auch nur annähernd versucht werden, der Raum verbietet das schon ohnehin, außerdem dürfte es unter der Masse von Besuchern Dresdens wohl kaum einen geben, dem die Kunstwerke des Gewölbes nicht durch eigene Anschauung bekannt geworden wären. Hier sei nur des deutschen Künstlers gedacht, dessen prächtige Werke eine Hauptzierde des Schatzhauses bilden: Johann Melchior Dinglinger. Seine Erzeugnisse, die sich in dem achten Zimmer befinden, haben ihm mit Recht den Beinamen „Meister des grünen Gewölbes" erworben; denn unter all den vielen Schönheiten leuchten seine Arbeiten besonders hervor.
Johann Melchior Dinglinger wurde am 24. Dezember 1664 zu Biberach in Schwaben, unweit Ulm geboren. Er bildete sich als Goldarbeiter in Frankreich aus. Auf seiner Heimkehr in das Vaterland kam er nach Dresden. Hier fesselte ihn die Liebe zu der schönen Tochter eines Jnnungsverwandten. Er ward 1693 in die Innung der Goldschmiede zu Dresden ausgenommen. Zwei seiner Brüder folgten ihm nach Sachsen. Mit ihnen hat er verschiedene Arbeiten verfertigt. Der jüngere dieser Brüder, Georg Christoph, war Goldarbeiter, der andere, Georg Friedrich, einer der vorzüglichsten Emailleurs.
Dieser letztere starb 1772. Er hatte unter Aved in Paris studirt und war 1770 als Hosemailleur in die Dienste Augusts II getreten. Von ihm sind außer seinem selbstgemalten Porträt, 5 Porträts des Königs August II, sowie viele andere Bildnisse in Email vorhanden. Sein vorzüglichstes Werk ist die Madonna im grünen Gewölbe zu Dresden, nach einem Gemälde von Manocki (l)fi Elle hoch, 1 Elle breit) wohl zu den schönsten Erzeugnissen der Emailmalerei gehörig.
Von Johann Melchior sind 5 Porträts gefertigt worden, so durch Pesne, Manocki und Kupetzky. Ebenso oft sind jene Porträts in Kupfer gestochen worden. Auch Lavater hat in