Heft 
(1878) 16
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seinenPhysiognomischen Fragmenten" zwei Umrisse von Ding­lingers Porträt geliefert.

Dinglingers Werke bilden eine Epoche in der Kunst. Sie enthalten nicht eine mehr oder minder zahlreiche Zusammen­stellung von einzelnen Figuren oder Ornamenten, sondern sind die Träger von Ideen. Dinglingers vortrefflich geordnete Gruppen stehen unter einander im Zusammenhänge, es liegt ein Poetisches Geheimniß, ein tieferer Sinn in seinen Werken, als ihn die nur elegante oder reiche Form erzeugen kann.

Nicht selten geht der Künstler wohl in die Details allzu sehr hinein und die übergroße Sorgfalt, die er für kleine Ge­stalten verwendet, hat ihm zuweilen den Vorwurf der Künstelei eingetragen. Indessen finden sich so viele mit großartigem Wurfe und künstlerischem Schwünge gearbeitete Werke, daß jene Ausstellungen von keinem Belang sein können.

Dinglinger nähert sich nicht nur Benvenuto Cellini, er kommt ihm in vieler Hinsicht gleich. Wie der berühmte Ita­liener hat auch Dinglinger die Kunst mit der Natur zu ver­binden gesucht. Prächtige Steinarten erscheinen in Gold gefaßt, köstliche Formen umgeben einen seltsamen Auswuchs des Ge­steins oder schmiegen sich dergestalt der natürlichen Bildung an, daß sie mit demselben verwachsen erscheinen. Bei allem scheint, auch der Idee nach, eins aus dem andern hervorgegangen zu sein.

Bon den größeren Meisterstücken des Künstlers gedenken wir des Dianenbades, der berühmten Calcedonschale. Es ist dieselbe, von welcher sich eine Abbildung in unserer trefflichen i Illustration befindet. Sie ist in dieser dem Meister in die Hand gegeben. Die Schale scheint Wasser zu enthalten ein für die Idee des Künstlers glücklicher Umstand hat in dem Steine Adern entstehen lassen, welche Wasserstreifen täuschend ähnlich sehen. Die Göttin Diana ist aus Elfenbein gebildet, rings um sie her zeigen sich ihre Attribute. Ein Hirschkopf von vollendeter Arbeit trägt die Schale. Hier offenbart sich des Meisters Art seinen Werken einen verborgenen Sinn, einen mythischen Zusammenhang zu geben. Der Hirschkopf ist zweifelsohne die Anspielung auf Aktäons Strafe. Von den Kennern werden die Gestalten der Hnnde, namentlich der schwarz emaillirte besonders geschätzt. Die Jaspisschale, welche das Ei des fabelhaften Vogels Rok oder Rokh darstellt, ist gleichfalls eines der berühmten Stücke des Meisters. Die Zn- thateu in Gold bilden die Gestalt des Vogelungeheuers, das gewissermaßen das Ei in seinem Leibe birgt. Ans dem Rücken trägt Rok die liegende Gestalt einer Prinzessin, welche einen gekrönten Wappenschild in der Hand hält, auf dessen Fläche sich die Initialen des königlichen Namens befinden.

Zu den umfangreichsten Werken Dinglingers gehören drei Stücke, denen man ehemals das Prädikatwunderbar" beizn- legen pflegte. Sie sind allerdings bewundernswertst in der Ausführung. Eines derselben ist der sogenannte Obolisons uuZustulis von drei und einer halben Elle Höhe, in welcher gegen 240 Cameen und sonstige geschnittene Steine eingelassen sind, zu denen unter anderen der in Relief auf rothen Jaspis gearbeitete, drei Zoll hohe Perikles und das Porträt Augusts II gehören. Ein anderes noch bekannteres Kunstwerk ist der Thron und Hofhalt des Großmoguls Anreg Zayb. Die Darstellung zeigt den ans seinem Throne sitzenden Mogul, den Generäle,

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Minister und Höflinge, die Leibwache und anderes Gefolge um­geben. Diese Gestalten befinden sich innerhalb dreier, durch Gebäude gebildeter Höfe. Die Masse der Ornamente, Archi­tekturstücke und sonstigen Details ist nicht zu beschreiben, nur die Selbstanschauung kann hier den rechten Begriff von der Arbeit verschaffen, welche der Künstler verwendete. 132 goldene emaillirte Figuren, welche einen trefflichen Ausdruck in Ge­stalten und Gesichtern zeigen, enthält dieses Kunstwerk.

Nach den bestehenden Ueberlieferungen hat Dinglinger mit seinem Sohne und 14 Gehilfen von 1701 1708 au dem Werke gearbeitet und dafür die Summe von 58,485 Thalern erhalten.

Ein drittes umfangreiches Kabinetsstück ist derTempel des Apis", eine Darstellung der ägyptischen Mythologie. Die ganze ^ Ausstattung ist eine der reichsten und die Zahl der in dem Werk angebrachten Edelsteine sehr bedeutend. Nachbildungen von sogen. Abraxessteinen zeugen von der großen Begabung des Künstlers, sich die alten Formen und Manieren meisterhaft anzueigncn. Doch wir müssen es uns versagen, eine Aufzählung und selbst nur flüchtige Beschreibung der übrigen Arbeiten Dinglingers, > welche das grüne Gewölbe birgt, zu unternehmen, auch wollen sie betrachtet sein, da der Hauptreiz in der Anordnung der Ornamente und Figuren liegt.

Hier noch einiges über den Künstler. Dinglinger starb zu Dresden 1731. Er war fünf Mal verheirathet und überlebte seine fünf Frauen, von denen er 23 Kinder besaß. Der König hatte ihn zum geheimen Kämmerer ernannt. Als der be­rühmteste seiner Sohne gilt Johann Friedrich Dinglinger, ein Meister in der Kunst des Emaillirens, geboren 1702 zu Dres­den und daselbst 1767 gestorben. Er kam dem Vater bezüg- I lich der Fertigkeit ziemlich gleich, besaß aber die Erfindungs- i gäbe desselben nicht. Eine Tochter Johann Friedrichs, Sophie Friederike, eine Schülerin Oesers, zeichnete sich als Miniatnr- j Malerin aus.

Dinglinger befand sich in glänzenden pekuniären Verhält­nissen. Er besaß ein Haus in der ehemaligen Frauengasse zu Dresden, welches durch seine Eigenthümlichkeit der inneren , Einrichtung berühmt war. Es zeigte statt des Daches eine Plattform, in deren Mitte eine große metallene Feuerspritze stand, die alle Nächstliegenden Häuser im Nothfalle mit Wasser überschütten konnte. Damit in Verbindung stand eine auf dem Hofe angelegte Maschine, deren Druck nicht nur die auf dem Altan hergerichtete Cisterne mit Wasser füllte, sondern dasselbe auch in jedes Stockwerk des Hauses trieb.

Außerdem hatte ein äußerst geschickter Techniker, Andreas Gärtner, in dem Hause eine sinnreiche Vorrichtung angebracht. Sie bestand aus zwei Stangen, welche mit verschiedenen Wind­fängen in Verbindung standen, die wiederum eine Fahne trugen, deren Bewegungen die Stärke und Beschaffenheit des Windes auf zwei große metallene Tafeln verzeichneten.

Historisch merkwürdig ward das Hans dadurch, daß 1711 Zar Peter der Große daselbst als Gast Dinglingers wohnte. Als Peter Dresden verließ, nahm er die erwähnte Fahne, sowie ein Modell des Hauses als Andenken mit sich nach Petersburg. Bei dem Bombardement Dresdens 1760 brannte das Haus ab. Auf der Brandstelle wurde später ein dem Kaufmann Klepperbein gehöriges Gebäude anfgeführt.

Juk Mt, des Wettlerkörngs Tochter.

Eine chinesische Novelle.*)

Nachdruck verboten. Ge§. v. 11./VI. 70.

Vorliegende Novelle, welche im Originaltext auf einer langen, um ein hölzernes Stäbchen gewickelten Papierrolle, die von rechts nach links gelesen wurde, ihren Platz hatte, ist über zweitausend Jahre alt. Sie ist im Jahre 200 vor unserer Zeitrechnung geschrieben. Diewunderbare Begebenheit", von der sie handelt und von der ja nach Goethe jede echte Novelle handeln soll, gibt aufs neue den Beweis, daß sich das ruhige nüchterne Volk der Chinesen besonders im Erzählen rührender und außergewöhnlicher Ereignisse gefällt. Ohne zu

so märchenhafter Höhe aufzusteigen, wie manche ähnliche, gibt uns diese Geschichte zugleich ein Bild des täglichen Lebens, welches sich von vor zweitausend Jahren bis jetzt im himm­lischen Reiche fast gar nicht geändert hat. Die Bettlerzünfte, wie alle andern in der Erzählung erwähnten Lebenssitten be­stehen noch heute. Möchte das kleine Kuriosum der Literatur, welches zu Hause bei sich noch nicht veraltet ist und vielleicht noch manche hübsche Tai-Ju und Pao-Chai zu Thränen rührt, auch einem deutschen Leserkreise gefallen!

*) Für das Daheim übersetzt.