259
Zur Zeit der alten Sungdynastie war im Distrikte Lim Au, obgleich derselbe bevölkert und fruchtbar ist, die Anzahl derjenigen, welche ihr Leben erbettelten, nicht klein. Einer von jedem Bettlergeschlecht wurde aber zu deren Häuptling ernannt, führte den Beinamen Twan-toh, d. h. „Rundkopf" und herrschte über die anderen. Alles, was diese sich durch den Bettel erwarben, händigten sie ihm ein, und dafür gab ihnen der Häuptling in der Schnee- und Regenzeit, wenn sie ihrem Erwerbe nicht nachgehen konnten, Nahrung und Kleider. Die Bettler waren sehr gehorsam und aufmerksam ihrem Häuptling gegenüber und wagten es niemals, sich ihm zu widersetzen.
Einige dieser Häuptlinge, indem sie das ihnen dargebrachte Geld fortwährend sparten, anstatt es wie andere zu verschwenden und zu verspielen, wurden vermögende Leute. Sie lebten von ihrem Einkommen und dachten nicht daran, sich anderweit zu beschäftigen. Diese Bettlerkönige wurden aber nicht als sehr anständige Leute betrachtet und mochten sie Land und Leute besitzen, so ordnete man sie doch den Familien gewöhnlicher Leute unter. Keiner, außer denen von ihrem eigenen Geschlecht bezeigte ihnen Achtung.
In der Stadt Hang-Chau lebte ein Bettlerhäuptling, ein „Rundkopf", Namens Kim Laon Ta, dem diese Stellung von sieben Generationen überliefert worden war. Seine Lebensweise ließ nichts zu wünschen übrig. Er bewohnte ein hübsches Haus, hatte einen gepflegten Garten und wohlbestellte Felder, trug reiche Kleidung und aß auserwählte Speisen. Dazu waren seine Vorrathskammern wohl gefüllt, sein Säckel ebenso, und er hielt sowohl männliche als weibliche Dienstboten.
Als er sich nun für genügend begütert hielt, wünschte er aufzuhöreu, mit den Bettlern zu verkehren, und beschloß, sein Amt an einen Verwandten, Namens Kim Lae Choo, d. h. „Kim der Aussätzige" abzngeben. Obgleich er dieses ausführte, nannten ihn die Nachbarn aber doch stets „Ruudkops", und er behielt diesen Namen sein Leben lang.
Kim Laon Ta war fünfzig Jahre alt, hatte seine Frau früh verloren und besaß keinen Sohn. Er hatte jedoch eine Tochter, Namens Juk Nu, welche eine vollendete Schönheit war. Ihr Vater liebte sie wie ein kostbares Juwel und lehrte sie in ihrer Kindheit die Schrift, so daß sie im Alter von fünfzehn bis sechszehu Jahren vollendete Kenntnisse in der Literatur besaß und auch selbst mit Leichtigkeit ihre Gedanken schriftlich aufsetzen konnte. Außerdem war sie ausgebildet in allen weiblichen Arbeiten, spielte die Laute und Harfe und war wirklich iu jeder Beziehung klug.
Kim Laon Ta dachte, sich aus seiner Tochter Schönheit und Talente verlassend, sie an einen Staatsgelehrten zu ver- heirathen. Aber obgleich mehrere alte und gute Familien gern dieses Mädchen durch eine Heirath an sich geknüpft hätten, so war es doch keine leichte Sache, dieses auszuführen, da sie in einer Bettlerkönigsfamilie geboren war. Ans diesem Grunde ließ keine von ihnen um sie werben. Und was Leute aus mittlerem Staude anbetraf, so wollte Kim Laon Ta nichts von ihnen hören. Sv wurde seine Tochter 18 Jahre alt, ohne jemals verlobt gewesen zu sein.
Eines Tages kam ein alter Nachbar und erzählte ihm, daß in Ta Ping Koan ein junger Mann, Namens Mö Ki lebe, der jetzt zwanzig Jahre alt wäre, außerordentliche Talente besäße und ein vollendeter Schriftgelehrter sei. Da seine Eltern in seiner Kindheit gestorben waren und er arm sei, wäre er aber noch nicht verheirathet.
Sobald er nun ein gewisses Examen bestanden habe, würde er eine Anstellung erhalten und wünsche sich daun mit einer reichen Familie durch Heirath zu verbinden.
„Da nun," schloß der Nachbar, „dieser Jüngling eine passende Partie für Deine Tochter wäre, warum nicht ihn auffordern, Dein Schwiegersohn zu werden?"
Kim Laon Ta antwortete ihm darauf: „Ich werde Dich, mein Freund, bemühen, in dieser Angelegenheit für mich zu handeln, wenn Du nichts dawider hast."
Der alte Nachbar ließ sich alles genau sagen, verfügte sich nach Ta Ping Koan und nachdem er Mö Ki ausgesucht hatte, erwähnte er seinen Auftrag an ihn und sprach:
„In Wahrheit ich habe nicht die Absicht, Euch im Unklaren zu lassen. Kim Laon Tas Voreltern waren Bettlerhäuptlinge. Aber seit langer Zeit verwaltete er selbst dieses Amt nicht mehr. Er ist sehr zärtlich gegen seine Tochter und ein reicher Mann. Wenn Ihr, Herr Studiosus, dieses Anerbieten also nicht verschmäht und zurückweist, so bin ich im Stande, die ganze Sache in Ordnung zu bringen."
Obgleich Mö Ki als Antwort zu diesem Vorschlag nicht ein Wort von sich gab, so dachte er doch bei sich selbst:
„Ich besitze jetzt nicht einmal Genügendes, um mich zu kleiden und zu essen. Weshalb sollte ich mich daher nicht herablassen, in diese Familie einzutreten, die mir mein Auskommen zusichert? Ich kümmere mich nicht darum, ob man mich auslacht."
Nachdem er eine kurze Zeit geschwiegen hatte, antwortete er dem Alten: „Was Du sagst, gefällt mir ganz gut. Aber ich bin arm und daher nicht im Besitz von Brautgeschenken. Was ist zu thun?"
Der andere antwortete: „Wenn Ihr wirklich einwilligen wollt, so habt Ihr es nicht nöthig, irgend eine Ausgabe zu machen, nicht einmal einen Bogen Papier. Ich will alles beschaffen, was nöthig ist."
Der alte Mann kehrte dann zurück, und nachdem beide Theile eingewilligt hatten, wurde ein glücklicher Tag für die Feier gewählt, und Kim sandte Mö Ki neue Kleider. Die Hochzeit fand statt.
Mö Ki, als er sah, daß Juk Nu begabt und schön war, und bedenkend, daß er nicht einen Pfennig auszugeben gehabt hatte, sondern mühelos eine schöne Frau und eiu behagliches Leben erworben hatte, freute sich sehr, und seine Freunde und Bekannten, wohl wissend, wie jämmerlich arm Mö Ki gewesen war, lachten nicht einmal über seine Heirath.
Als ein Monat nach der Hochzeit verflossen war, bereitete Kim ein großes Fest und beauftragte seinen Schwiegersohn, alle seine Freunde und Studiengenossen dazu einzuladeu. Er selbst aber bat keine» von seiner Familie.
Nachdem sie sechs bis sieben Tage im Jubel verbracht hatten, ward sein Verwandter, Kim der Aussätzige, zornig und dachte bei sich selbst: „Er ist ein Rundkops und ich bin einer. Wenn er auch jetzt einiges Vermögen besitzt, so waren unsere Vorfahren doch die Gleichen, also ist er nicht mehr als ich. Bei Gelegenheit der Hochzeit meiner Nichte Juk Nu hätte er mich eiuladen sollen, an der Beglückwünschung Theil zu nehmen. Denn obgleich Kims Schwiegersohn ein Studirter ist, so hat er doch noch keine Staatsanstellung. Ich aber bin sein Verwandter und hätte als solcher geehrt und berücksichtigt werden sollen. Ich werde nun gehen und sehen, ob ich nichts thun kann, um sie zu ärgern und sie zu lehren, nicht so hoch- müthig zu sein."
Er sammelte darauf fünfzig bis sechszig Bettler zu sich und nahm sie mit nach dem Hause voll Kim Laon Ta. Dieser, der den Lärm schon von ferne hörte, öffnete die Thüre, um dessen Ursache zu erfahren, und sah, daß Kim der Aussätzige mit einer ganzen Herde Bettler gekommen war, die sich alle ins Haus drängten und den Saal betraten. Kim der Aussätzige ließ sich auf eine Matte nieder und beschäftigte sich damit, die Speisen, die vor ihm standen zu verzehren. Dabei sagte er: „Beeilt Euch, den Bräutigam, meinen Neffen und die Braut, meine Nichte, herbeizurufen, auf daß sie ihrem Onkel die gebührende Ehrfurcht bezeugen können."
Als die Gäste diesen Ausspruch hörten, eilten sie alle mit Mö Ki zusammen fort und versteckten sich.
Kim Laon Ta wußte sich nicht zu Helsen. Er konnte nur immer wiederholet: Die Gesellschaft, die ihr hier fandet, war von meinem Schwiegersohn eingeladen und ging Euch nichts an. An einem anderen Tage könnt Ihr kommen, um ein Gläschen Wein mit uns zu trinken und die Zeit mit uns zu verplaudern." Darauf nahm er Geld und vertheilte es unter die Bettler, nahm auch einige große Krüge guten Weines und viele lebendige Hühner und Enten und bat sie, ein Fest davon im Hanse Kims des Aussätzigen zu halten. Aber sie wollten nichts davon hören und verließen das Haus nicht vor später