Heft 
(1878) 16
Seite
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Nacht. Juk Nu weinte auf ihrem Zimmer vor Kummer, Ki aber verbrachte die Nacht bei einem Freunde.

Am andern Morgen, als Ki zurückkehrte, sah Kim Laon Ta, daß sein Schwiegersohn ihn mit Verachtung be­trachtete und schämte sich. Ki, der cinsah, daß was vorgefallen war, nicht mehr zu ändern sei, obgleich es ihn durchaus nicht erfreute, sagte kein Wort.

Juk Nu aber, betrübt über den Mangel an Anständigkeit in ihrer Familie, beschloß, ihren Mann aufs neue zum Stu­dium zu ermahnen. Sie scheute keine Kosten, um ihm solches zu erleichtern. Sie kaufte Bücher in Massen, lud gelehrte Leute ins Haus, um mit ihm zu verkehren, und bestach sogar viele, auf daß sie mit Lob von ihm sprächen.

Ms Kis Talente wurden durch sein Studium vervoll­kommnet, sein Ruf nahm täglich zu und als er dreiundzwanzig Jahre alt war, meldete er sich zum Staatsexamen und gewann einen hohen Grad. Nach dem kaiserlichen Fest bestieg er, noch mit seinen gestickten Kleidern geschmückt, sein Pferd und ritt heim nach seines Schwiegervaters Haus. Alle Leute, denen er begegnete, sagten:Das ist Kims des Rundkopfs Schwieger­sohn. Seht, er ist jetzt ein großer Mann."

Ki ärgerte sich, mußte es aber ruhig ertragen. Als er Kim Laon Ta fand, war er äußerlich sehr höflich, im Herzen aber zornig und dachte bei sich selbst:Wenn ich voraus- gesehen hätte, daß ich diesen ehrenhaften und einträglichen Posten erhalten würde, wäre ich niemals der Schwiegersohn eines anderen Mannes geworden, als wie eines von adeligem Range. Aber wehe! Jetzt muß ich mich vor einem alten Bettlerkönig neigen und ihn Schwiegervater nennen. Werde ich jetzt nicht bis an mein Lebensende nur einem zerbrochenen Schmuckstück gleichen? Sollte ich aber ein Kind erhalten, so würde es der Enkel eines Rundkopfes sein und das Lachziel für alle."

Hierüber grübelnd, ward er zerstreut, und Juk Nu redete ihn mehrere Male an, ohne daß er antwortete, also dachte sie bei sich selbst:Nun mein Mann Ehre und Reichthum erlangt hat, hat er die Zeit schon vergessen, wo er arm und aussichtslos war und bedenkt nicht die viele Freundlichkeit und Hilfe, die er von meinem Vater empfangen hat. Dies läßt mich fürchten, daß cs nicht gut um sein Herz steht."

In kurzer Zeit bekam Mo Ki eine Anstellung als Richter in Woo-Wei-Kenn und sein Schwiegervater gab ihm ein Ab­schiedsfest, ehe er dorthin ging. Bei diesem aber wagten es die Bettler nicht, ins Haus zu kommen und zu stören.

. Der Weg von Lim An nach Woo-Wei-Keuu ist zu Wasser. Mo Ki schiffte sich also, von seiner Frau begleitet, ein und trat die Reise auf seinen Posten an.

Nach einigen Tagen der Reise kamen sie nach Chae In Kiang, und das Boot ankerte an der Nordseite des Flusses.

In jener Nacht schien der Mond so hell, als ob es Tag sei. Ki legte sich nieder, fand es aber unmöglich zu schlafen. Er stand daher auf, zog sich an und ging an Deck, wo er sich hinsetzte und den Mond ansah.

Alles war still. Kein Mensch war zu sehen, und Ki begann abermals, über seine Verbindung mit den Rundköpfen die ihn tief verletzte, zu grübeln.

Plötzlich stieg der böse Gedanke in seinem Herzen auf, daß, wenn seine jetzige Frau todt wäre, er frei sein würde, in eine andere Familie hinein zu heirathcn, und so die Unehre zu vernichten, die ihm sonst bis ans Lebensende anhängen würde.

Sein Entschluß war rasch gefaßt. Er ging nach der Kajüte und ries Juk Nu zu, aufzustehen und mit ihm den schönen Mond anzusehen.

Sie schlief. Ki widerholte sein Rufen, bis er sie aufweckte, und da sie ungern dem Wunsche ihres Mannes nicht gefolgt wäre, zog sie sich an und ging mit ihm bis an das Vordertheil des Schiffes.

Ki führte nun seinen Vorsatz aus. Plötzlich zog er sie an den Rand des Schiffes und stieß sie ins Wasser.

Ki befahl darauf augenblicklich der Mannschaft, das Boot sahrfertig zu machen und versprach ihnen gute Be­lohnung, wenn sie rasch weiter führen. Die Leute verstanden zwar den Grund dieses Befehls nicht, brauchten aber ihre langen

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Stangen und Ruder, bis sie, nachdem sie zehn Meilen zurück­gelegt hatten, aufs neue ankerten.

Nun sagte ihnen Ki, daß seine Frau, indem sie den § Mond ansah, ins Wasser gefallen sei, und daß er sein bestes gethan hätte, um sie zu retten, aber umsonst. Darauf gab er ihnen drei Taels Silber.

Obgleich sie Verdacht hatten, wagte doch keiner der Boots­leute ein Wort zu sagen. Die wenigen Dienerinnen aber, die Juk Nu mit sich genommen hatte, erfuhren nur, daß ihre Herrin ertrunken sei, und konnten nichts thun als weinen und die Hände ringen.

Der Leser wird ohne Zweifel finden, daß dies eine sehr schlechte und berechnete That Kis war.

Nun traf es sich, daß der Gouverneur, Namens Hu- Tih-Han, auch auf seinem Wege nach seinem neuen Posten war, zur selben Zeit wie Ki, und daß sein Boot auch auf der Nordseite vom Chae In Kiang ankerte. Gerade nach­dem Ki sein Weib ins Wasser gestoßen hatte, hatten Hu- Tih-Hau und seine Gattin ihr Fenster geöffnet, um den Mond zu bewundern und vergnügten sich bei einem Glase Wein. Ehe sie sich nun niederlegten, wurden sie überrascht, Weinen zu hören und erkannten, daß es eine Frauenstimme sei. Es klang sehr wehmüthig und weckte ihr Mitleidcn, so daß Hu-Tih-Hau den Bootsleuten sagte, ihn hinznschaffcn, wo man die Stimme höre, damit er sehen möge, was cs sei. Er fand eine Frau ganz allein am Ufer sitzen und nahm sie gleich mit sich an Bord.

Als er sie ausfrng, erfuhr er, daß sie die Frau des Richters von Woo-Wei-Kenn sei.

Juk Nu hatte, als sie zuerst ins Wasser fiel, alle Hoff­nung verloren und sich darein ergeben zu sterben. Plötzlich sah sie aber eine Kiste dicht bei sich im Wasser schwimmen, und indem sie sich daran festhielt, wurde sie stromabwärts ge­trieben. Dem User nahe gebracht, wurde es ihr möglich, dort­hin zu gelangen. Aber als sie die Uferböschung hinanfge- klettert war, sah sie nichts als den Fluß, ein weites Wasser­feld und ihres Mannes Schiff schon den Augen entschwunden.

Es wurde ihr nun klar, daß Ki, nachdem er ein großer Manu geworden, die Absicht gehabt hatte, sich ihrer zu ent­ledigen, damit er eine bessere Heirath eingehen könne. Und war sie auch dem Ertrinken entronnen, so war doch kein Ort nahe, in dem sie Obdach und Beschützung finden konnte. Diese traurigen Gedanken machten sie so bitterlich weinen, und als Hu sie forschend nach allem fragte, gab sie ihm genaue Aus­kunft über ihr ganzes Leben. Als ihre Erzählung beendet war, weinte sie, ohne anfzuhoren.

Hn und seine Frau fühlten das tiefste Mitleid mit ihr und konnten sich nicht enthalten, auch Thränen zu vergießen. Aber zn ihr sprachen sie:Weine nicht so herzzerbrechend!

Laß Dich trösten! Du sollst fortan unsere Pflegetochter sein und wirst wieder glücklich werden."

Juk Nu neigte sich vor ihnen und dankte ihnen. Hu be­deutete seiner Frau, Juk Nu trockene Kleider zn geben, sie alles wechseln zu lassen und sie dann zum Ruhen in die Hintere Kajüte legen zu lassen. Er befahl auch allen seinen Bediensteten, siedas gnädige Fräulein" zu neunen, sowie die Sache geheim zu halten und keinem zu entdecken. In ganz kurzer Zeit kamen sie nach Hause, und Hi: trat sein Amt an.

Nun lag Woo in seinem Amtsbezirke, folglich war Hu Mo Kis unmittelbarer Vorgesetzter, hatte denselben jedoch noch nie gesehen, noch mit ihm verkehrt. Nachdem er ihn aber kennen gelernt hatte, dachte er bei sich:Wie schade, daß Ki,

ein Mann von so außerordentlicher Begabung, einer so schlech­ten Handlung schuldig ist, wie die gegen seine Frau verübte."

Nachdem einige Monate verflossen waren, erzählte Hu seinen Untergebenen im Amte, daß er eine Tochter habe, die sowohl schön wie begabt sei und jetzt im heirathsfähigen Alter stände. Er wünsche einen klugen jungen Mann zu ihrem Ge­mahl zu wählen. Er frug sie dann, ob sie vielleicht eine pas­sende Person wüßten. Sie antworteten, daß Ki kürzlich seine Frau verloren habe, und empfahlen ihn als einen außer­gewöhnlichen jungen Mann, der der Ehre einer solchen Ver­bindung Werth sei. Hu sagte: