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ermahnenden Worte sprachen, in absichtlicher Rundung und Gefälligkeit z,l jenem geistigen Luxus, welcher als selbständiges Entwickelnngs- moment von den namhaftesten Dichtern gepflegt, bedeutsam hervortrat.
Bei den Römern charatterisirt sich die Aufschrift als eine das öffentliche Leben, den Kultus staatlicher Einrichtungen in kräftiger Fülle reflektirender, auf die Spitze der gegebenen Thatfache springender Gedanke, den weniger die Schnellkraft geistiger Regsamkeit, als eine gewisse epigrammatische Reife des Geistes ins Leben gerufen hatte.
Im Gegensatz znm Kulturleben des antiken Staates, welcher Personen zu Sachen herabwürdigte, erhob die christliche Gesittung des Mittelalters Thiere und Sachen durch Beilegung von Eigennamen in das Bereich einer gewissen Persönlichkeit. Die mittelalterliche Thierfabel belegt dies mit vielen Beispielen, und Häuser, Schiffe, Geschütze, Glocken, Schwerter, ja selbst Wein, Bier und Käse verdanken von alter Feit her, besonders in deutschen Landen, den Sinn und Witz der Altvordern bezeichnende Eigennamen. Diese forderten unwillkürlich zum Wortspiel, zur Anspielung heraus, und eben dieses allegorisirende Behagen machte sich bei der geforderten Kürze des Ausdrucks gar bald in gereimtem Sinn- und Witzwort Luft, mit welchem die betreffenden Gegenstände in bedeutungsvoller Bezüglichkeit verziert wurden.
Unter all dem Hausrath, dem seit dem fechszehnten Jahrhundert durch Inschrift oder Spruch eine sinn- und gemüthvolle Weihe zu Theil wurde, zeichnen sich die Uhren, die mittelbaren Teilnehmer an Freud und Leid des Hanfes, die ernsten Mahner an die Vergänglichkeit alles Bestehenden, die Wecker zu Lust und Trübsal, die erbarmungslosen Er- innerer an eine letzte Stunde, hervorragend aus. Die Uhr ist der recht eigentliche Freund des Hauses, und deshalb haben die Alten dieselbe mit herzlichen, naiven und sinnvollen Inschriften ganz besonders reich bedacht.
Zum Belege dafür möge es vergönnt fein, aus dem großen Schatze von Uhreninschriften eine kleine Auswahl, die den Grenzen dieser Blätter gemäß ist, mitzutheilen.
An dem Wvhnhanse des Staatsraths de Fieubet in Paris waren an der Hanptsrvnt über dem Thore zwei allegorische Figuren, welche die Arbeit und die Muße darstellten, eine Sonnenuhr tragend, abgebildet, welche letztere mit der Inschrift geschmückt war: i'inros Inbori, cknioibns cMcl-uu otiis. (Die meisten für die Arbeit, einige zu süßer Rast.)
Im Garten hinter dem Landhanse desselben Staatsmannes befand sich ebenfalls an einer Sonnenuhr die Legende:
Nmn kn<ftt nmbrn cinmsoo. (Wenn der Schatten flieht, ruhe ich.)
Im erzbischöflichen Palaisgnrten in Orleans las man an einer Sonnenuhr die Worte des Psalmisten:
I'mbrao trnnsitns ost teinpms nostrmn. (Unsre Zeit ist wie ein vor übergehender Schatten).
Am Hotel Richelieu trug eine große Sonnenuhr bei Lebzeiten des Kardinalministers die Umschrift:
Xoo momontnm MN6 linsn. -Auch nicht ein Augenblick ohne ein Zeichen der Thütigkeit.)
Am Palazzo Moncenigo in Venedig befand sich (oder befindet sich noch ?) eine Sonnenuhr mit der Umschrift:
Xcm nmnoro boras nisi soronas. (Nur die heiteren Stunden zeige ich an.)
In dem Hofe eines Palastes in Cortona war um eine Sonnen nhr die Inschrift:
.Io vaclo 6 V6KNO OAni Zäorno, Na tu ancirai 86 N 2 N ritoriio. (Ich komme und gehe jeglichen Tag, Doch Du wirst gehen und nicht heimkehren.l
An einem Privathause in Bonrges liest man unter einer Sonnen nhr folgenden Vers:
Im vio öst comum I'bombro,
Insonsibls claiis son eonrs;
On ln oroit immobils, iKUs nvniicw tonjonrs.
(Das Leben gleicht dem Schatten, man spürt seinen Lauf nicht; man
glaubt, daß es still steht, und es rückt doch beständig fort.)
Eine Stelle ans dem Hiob (31. 4) ist in Bremen sinnvoll als Umschrift einer Sonnenuhr verwerthet worden:
Or688N8 clonunrörnt. (Er zählt alle meine Gänge.)
An einer Sonnenuhr in Berneck im Fichtelgebirge:
Nicht immer, aber richtig!
In Dijon liest man noch heute an einem Privathanse über einer Sonnenuhr vom Jahre 1704:
8i 1168018 bosp>68, 8nnt bin ornonla, Uboobi, Oonsuln; i'68poncl6iit lioo tibi Vi 806 inori. (Wenn Du es nicht wissen solltest, Wanderer: hier sind die Orakel des Sonnengottes. Befrage sie! Ihre Antwort ist — Lerne sterben.)
Bury Palliser in seinen Historie Oovicws 6to. Uoncion 1870 berichtet, daß an dem alten Palais de Justice in Paris sich eine Sonnenuhr mit der Inschrift befunden habe:
8aorn Dbsmis mores nt pencinla. cliriZit borns.
Unser Gewährsmann übersetzt dies englisch: Hol/ gnsties ^uiäos nuuiners (i) a,8 Ibis äial äoes tlie iionrs. Wir haben nirgends eine Andeutung finden können, daß das der mittelalterlichen Latinität ungehörige Substantivnm poncluln den Zeiger oder das Zifferblatt an einer Sonnenuhr bedeuten konnte. Ans diesem Grunde möchten wir
bezweifeln, daß die gedachte Umschrift unter einer Sonnenuhr gestanden hat.
Eine Sonnenuhr im Schloßgarten in Würzbnrg hatte die Inschrift: Uorsnnt 6t iinputnntur. (Sie vergehen und werden angerechnet.) Dieselbe, einem Epigramme des Martial entlehnte Stelle findet sich über einer Sonnenuhr an einem Thnrme auf dem Markte von Belluno.
In Morizburg befand sich eine Sonnenuhr, welche die Umschrift aus den Episteln des Horaz hatte:
llonn pra,686iiti8 rapo Inotns liorno. (Genieße froh der Gabe der gegenwärtigen Stunde.)
In dem dem Grafen Hoditz, dem geistreichen Freunde Friedrichs II, gehörigen Schloßpark in Roßwaldan trug eine Sonnenuhr die Legende: l?68tirmt snpEiia,. (Die Letzte hat Eile.)
Bon Inschriften an Thnrmuhren wollen wir nur einige mittheilen, die durch Sinnigkeit besonders ausgezeichnet sind.
In Graz:
Lnxrsmn linoo ranitis korsantibi. (Die letzte vielen vielleicht auch dir
unbekannt.)
In Landshut:
lbibin oninibns, ultima niultis. (Ungewiß allen, die letzte vielen.) In Kopenhagen das horatianische
6arp6 cliom. (Ergreife den Augenblick.)
In Trier:
Volat sine morn. (Sie entflieht unverzüglich.)
In Canterbury:
Mateb and xraz-, time stcmls nvaz-.
In Preßburg:
Nsmcmto boraw novissimas. (Denke an die letzte Stunde.)
An der Knnstnhr der Wilibrodikirche in Wesel (l603) liest maim Dies Werk in seiner Ordnung rund Zeigt an Jahr, Monat, Tag und Stund'.
O Jesu Christ, Du wollest geben,
Daß wir ein selig Uhr erleben.
An einer fränkischen Dorfkirche:
Von allen eine Ist die deine.
Schließlich möge es nnS vergönnt sein, einige Inschriften von deutschen Hans- und Stubennhren mitzutheilen.
O Mensch, Hab acht!
So bald es schlagt All Zeit betracht!
Die jetzige Stund und das zeitliche Glück Schleicht hin in einem Augenblick.
Sieh an die Uhr und sag mir an,
Zu welcher Stund man nicht sterben kann.
*
Hin geht die Zeit,
Her kommt der Tod;
O Mensch, thn recht Und fürchte Gott.
»
Die Leut' vertreiben nit die Zeit,
Die Zeit vertreibt die Leut'.
*
So geht die Zeit Zur Ewigkeit.
*
Je länger hier,
Je später dort, q-
Alle verwunden,
Die letzte tödtet.
Die Zeit ist edeler als tausend Ewigkeiten,
Ich kann mich hier dem Herrn, dort aber nicht bereiten.
Mein sind die Jahre nicht, die mirMe Zeit genommen,
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm' ich den in acht,
So ist er mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.
Heiliger Sanct Beit,
Weck mich in der Zeit,
Nicht zu früh und nicht zu spät,
Weck mich, wenn es fünfe schlägt.
-i-
Umsonst nur rufen wir die Zeit, die wir verloren.
Vergeblich ein versäumtes Glück!
Sie haben Flügel nur, nicht Herz und Ohren Sie kommen — aber nie zurück.