Heft 
(1878) 16
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Nur dort, wo nichts entschieden wird, noch werden kann, bei Sofia, haben die Russen erhebliche Fortschritte gemacht. General Gurko überschritt unter großen Mühsalen abermals den Balkan und erschien mit dem neuen Jahre zugleich in der schönen Ebene von Sofia. Den Hauptpaß, durch den die neue Heerstraße von Plewna nach Sofia führt*), den Baba Konak, hielten die Türken noch immer besetzt. Schanzen krönten die Höhen zu beiden Seiten, und die Gefechte zu Beginn des Dezember hatten gelehrt, daß es unmöglich sei, sie ohne große Opfer zu nehmen. Wie einst von Tirnowo aus, umging General Gurko daher abermals die feindlichen Stellungen und zwar über Curiak zwischen dem Passe und Sofia. Fünf Meilen östlich dieser Stadt, der alten thrazischen Metropole, bei dem hübsch gelegenen Bulgarendorfe Tasch- kösen**) erschien er so unerwartet, wie einst am 14. Juli bei Hainkiöj. Nach lebhaftem Kampfe, der den ganzen Sylvestertag andauerte, und ihm mehrere hundert Mann gekostet hat, nahm er den Ort. Die Türken räumten nun auch ihre Positionen am Baba Konak und zogen, von russischer Kavallerie verfolgt, östlich über Slatica und südöstlich nach Otlukkiöj ab.

Sofia war damit preisgegeben. Ein alter Wall und vier Forts, welche 1829 vom Pascha von Skutari erbaut wurden, als General Geismar die Jskerdefileen bedrohte, bil­deten den Schutz der Stadt.

An Armirung fehlte es bei­nahe ganz. Auf der Oftseite befanden sich einige neue Befestigungsanlagen.

General Gurko hatte seine Umgehung mit der 3.

Garde-Division, Theilen der 1. Garde-Division und der Gardeschützenbrigade aus- gesührt. In der Front von Orhanie und Etropol an folgten seinem Vormarsche die 2. und der Rest der 1.

Garde-Division, so daß sich das ganze Gardekorps süd­lich des Baba- (oder Arab-)

Konakpassesvereinigte. Mehr als 800 Kranke und 50 Todte, welche dieKälte wäh­rend des Gebirgsmarsches allein dem Detachement von Etropol kostete, lehrten übri­gens, daß der Balkan bei Winterszeit mancherlei Fährnisse birgt.

Der Umgehungskolonne des General Gurko folgte die 31. Division vom9. Korps unter General Weljaminow.

Sie schlug die Richtung ge­gen Sofia ein und wehrte während der Kämpfe bei Taschkösen die von der Stadt vorbrechende türkische Divi- fionNedsib Pascha ab. Dann überschritt sie den Jsker Ist?

Meile nördlich Sofia und bedrohte so die weniger starke Nord- und Nordwest­seite. In Folge dessen räumte Nedsib Pascha die Stadt ohne Kampf, und am 3. Januar hielten die Russen daselbst ihren feier­lichen Einzug.

Von Sofia aus steht ihnen die Verbindung mit den inzwischen von der Morawa her eingebrochenen Serben offen. Nur wenige feste Plätze mit schwachen Garnisonen bilden nunmehr in Westbulgarien und Alt-Serbien die Reste der Türkenherrschaft.

Allein diese Gebiete hätten die Osmanen ohnehin aufgeben müssen, so­bald nur die Kanonen erst südlich des Schipkabalkan im Tundza- und Ma- ritznthale donnern. Vorläufig aber melden alle Nachrichten seit Wochen nur, das; diegroße Armee" bei Tirnowa und Gabrowain der Bildung be­griffen", daß bedeutendeVerstärkungen" noch immer auf den rumäni­schen Bahnen in: Eintreffen seien. Thatsächliches über eine allgemeine Vor­wärtsbewegung kommt nicht zum Vorschein. Nur General Skobeljew, der Unermüdliche, ist mit der 16. Division in den Trojanpaß***) eingedrungen.

Freilich hat der Winter in ganz Bulgarien begonnen, seine Schuldigkeit zu thun. Er ist der einzigeAlliirte, der die Türken in derStunde der Noth nicht ganz verlassen hat. Die Schneestürme in den russischen Depeschen sind kein Nebel von Chlum." Dennoch läßt die vierwöchentliche Pause Fragen offen, welche die Geschichte dieses Krieges mit guten Gründen wird beantworten müssen, soll der russischen Heerführung kein Vorwurf erwachsen.

Entschieden kann der Krieg immer nur bei Adrianopel werden. Von dort liegt der Weg nach Konstantinopel frei. Setzt die hohe Pforte den Wider­stand auch nach einer Niederlage daselbst und nach der Wegnahme von Adria­nopel fort, so gestaltet sich der Rest des Kampfes doch nur zu einer über­flüssigen Zugabe. Nur unter den Kanonen jener durch Erdwerke zu einem großen verschanzten Lager umgestalteten Stadt können die türkischen Generale hoffen, das Mißverhältnis; der Zahl noch einmal annähernd auszugleichen; denn die russischen Operationslinien werden bis dorthin um zwanzig Meilen voll Schwierigkeit und Gefahren länger. Die fünf Festungen und zwei proviso-

") Diese von Midhat Pascha erbaute Straße ist die über Orhanie, das der große Reforma­tor vom unbedeutenden Dorfe zur Kreishauptstadt erhob. Die alte Heerstraße dagegen führt über Etropol und ist fast ans allen Karten noch als die bedeutendere gezeichnet. Das giebt zu manchen irrigen Auffassungen über die Operationen der Russen in jener Gegend Veranlassung.

Laschkiren auf der Krieaskarte des Daheim.

Im Chodscha-Balkan. Siche Kriegskartc des Daheim.

risch errichtete Bollwerke nördlich des Balkan nehmen unzweifelhaft einen großen Theil der Armee in Anspruch. Die Rumänen, die drei Korps der Ostarmee, sowie das Dobrudschakorps werden ja schon jetzt durch dieselben gefesselt. Die Aussicht, welche sich daran für das Osmanenreich knüpft, ist die letzte.

Gerade das wird die Russen bedenklich gemacht haben, den allgemeinen Vormarsch schon jetzt zu beginnen. Gewiß ist es bei Gabrowa ebenso gut wie bei Sofia möglich, den Balkan zu passiven. Allein drüben beginnt erst die Schwierigkeit. Das Land liegt dort nicht mehr frisch und unberührt vom Kriege da. Der Sommerfeldzug und die lange Anwesenheit der türkischen Balkanarmee haben es erschöpft. So reich das Tundzathal sein mag; es er­nährt jetzt eine größere Heeresabtheilung nicht mehr, wie es dies im Sommer vermochte. Die langen Verpflegungstrains für ganze Armeekorps über die verschneiten Gebirgswege folgen zu lassen, ist ein Unternehmen, welches dem Zufall weiten Spielraum bietet. So könnte drüben der Mangel bald das Heer begleiten, zur weitläufigen Vertheilung der Marschkolonnen zwingen und entscheidende Schläge in letzter Stunde verhindern.

Wunderbarer und fragwürdiger erscheint die Ruhe, die nördlich des Balkan

herrscht. Die türkische Do­nauarmee steht zum großen Theile nicht mehr im Festungsviereck. Dieses wird nur noch vonstarken Arriere- garden behauptet; dennoch sind dieselben nicht einem einzigen ernsten Angriffe der großen feindlichen Ueberle- genheit ausgesetzt gewesen. Um jeden Tag, den Rustschuck und Silistria, Varna und Schumla früher eingeschlos­sen werden, müssen sie der­einst auch einen Tag früher kapituliren. Das kann fin­den Frieden von Wichtigkeit werden, denn die Autono­mie Bulgariens, das Mini­mum der russischen Forde­rungen, erheischt den Besitz wenigstens von einigen die­ser Plätze. Da die Ostar­mee und das Dobrudscha­korps, das sich bisher nur durch eine seltsame Unbe­weglichkeit hervorgethan, in den rauhesten Winterwochen im Felde geblieben sind, müßten sie es ebenso auch einige Märsche weiter vor­wärts bei Rasgrad und Bazardschyk aushalten kön­nen. Die Verbindung zwi­schen den Festungen wäre damit schon unterbrochen, und die Möglichkeit, sich länger durch Zuschub von außen her zu versorgen, ihnen genommen. So we­nigstens muß der ferne Beobachter urtheilen. Su- warow 1799 und Napoleon 1807 machten mehr möglich, alsdas, was hier zu thunist.

Die Türken haben in­zwischen die Zeit so gut be­nutzt, wie es in ihrerbedräng- ten Lage möglich war. Sie verlegten seit dem Falle von Plewna den Schwerpunkt der Vertheidigung freiwillig nach Rumelien. Su- leyman Pascha ist mit dem Gros der Donauarmee theils nach Varna gerückt, von dort zur See bis Konstantinopel lind dann mit der Eisenbahn bis Trnawa und Jamboli gegangen, theils über die östlichen Balkanpässe, die einst Die- bitsch benutzte,' dahin abmarschirt.

Der großen Balkanarmee der Russen gegenüber ist einegroße Armee" von Rumelien auf türkischer Seitein der Bildung begriffen". Was an Reserven bei Adrianopel versammelt war, was aus der Hauptstadt und von anderen Punkten des Reiches dorthin geschafft werden konnte, ist zu ihr gestoßen.

Diese Versetzung einer Armee von der Nord- auf die Südseite des Ge­birges, aus Stellungen, die im Angesichte des Feindes lagen und bei dem Zustande der türkischen Bahnen, der Schwierigkeit des Seetransportes in dieser Jahreszeit ist eine nicht unbedeutende militärische That, die nur ein Seiten- ftück in Suleymans erster Meerfahrt von Antivari nach der Maritzamündung hat. Sie entspringt dem stategisch vollkommen richtigeil Gedanken, auf dem wichtigsten Punkte alle irgend verfügbaren Kräfte zu versammeln. Muschir Achmed Eyllbs Balkanarmee bildet schon jetzt eineil Theil der neueil Haupt­armee. Daß die von Gurko aus dein Baba Konakpasse geworfenen Truppen sich an diese heranziehen, ist schon deshalb wahrscheinlich, weil ihnen kaum ein anderer Weg bleibt. Für den Vollbluttürken und seine Herrscher­würde mag es schmerzlich genug sein, Serben und Montenegriner seine Grenzprovinzen überschwemmen, die verachtete Rajah dort ihr Joch abschütteln zu sehen, allein eS wäre ein Fehler, schlimmer, wie man ihn zum Beginn des Krieges mit Absendung zweier starker Korps gegen die Czernagora machte, wenn man diesen Feinden mehr Beachtung schenkte, als ihnen jetzt zu Theil ivird. Es steht ihnen nur der Landsturm der gefährdeten Provinzen ge­genüber.

Die Donauarmee hat übrigens ihre alten Stellungen nicht ohne letzte Kämpfe nördlich des Balkan gewechselt. Kurz vor dem Falle von Plewna erfocht sie dort noch den bedeutendsten taktischen Erfolg, den die türkischen Waffen in diesen; Kriege im freien Felde zu verzeichnen haben. Seit dem

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Uebersicht des türkisch-serbischen Operations-Terrains zwischen Widdin und Nisch.