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Lebus. Ein tiefsinniges Symbol dieses alles! Schon folgen die Steppenreiter, die dieselbe Heimat haben; erwarten wir sie, bereiten wir unsere Herzen. Es lebe das Salz der neuen Zeit; es lebe die große Slava, die Urmutter unserer wendischen Welt, es lebe Rußland!"
Seidentopf, viel zu liebenswürdig, um nicht für Neckereien wie diese ein bereitwilliges Verständniß zu haben, erhob sich sofort. „Ich bitte die Gläser zu füllen," begann er, „versteht sich die grünen. Unser Freund hat das Salz unserer Zeit, hat Rußland, hat die astrachanische Prairie leben lassen. Ich könnte hervorheben, daß optische Täuschungen, riesenmäßige Vergrößerungen zu den charakteristischen Zügen jener Steppengegenden gehören, von denen uns beispielsweise Reisende berichten, daß einfache Haidekrautbüschel das Ansehen stattlicher Bäume gewinnen; aber ich verzichte ans Bemerkungen, die unseren Streit nur schüren könnten. Ich dürste nicht nach Fehde, sondern nach Versöhnung. Gut denn, es lebe das Wolgasalz, das erfrischt, aber zugleich durchglühe uns dieser deutsche Wein, der erheitert und erhebt. Zu dem Herben geselle sich das Feuer, zu der Kraft die Begeisterung. So vermähle sich die slavische und germanische Welt. Es ist ein alter Wein noch, der in unseren Gläsern perlt, und die Gelände waren unser, die ihn trugen und reiften. Sie sollen es wieder sein. Möge der Most des nächsten Jahres in deutschen Keltern stehen."
Die Gläser klangen zusammen, auch die Turganys und Seidentopfs. Beide Gegner umarmten sich, alles schüttelte sich die Hände, und das Gefühl patriotischer Erhebung wuchs, als, unter Zugrnndlegung des 29. Bulletins, die Tischnnterhaltnng in das Gebiet der Conjekturalpolitik hinüberglitt.
Erst der Schluß der Tafel machte dem Gespräch ein Ende, an dem sich auch die Damen um so lieber betheiligt hatten, als die Abwesenheit eigentlich zuverlässigen Materials es sowohl den reichlich eingestreuten „on «UtZ wie nicht minder dem Fluge der Einbildungskraft erlaubten, alles Fehlende aus eigenen Mitteln zu ersetzen. Und auf derartig schwachen Fundamenten aufgeführte Unterhaltungen pflegen meist mehr zu befriedigen, als solche, die durch oft unbequeme Thatsachen in ihrem Gange bestimmt werden.
Die Gesellschaft begab sich jetzt aus dem Eßzimmer in die, die Zimmerreihe abschließende Putzstube, die im wesentlichen noch die Einrichtung zeigte, die ihr die vor zehn Jahren, beinahe unmittelbar nach der Feier ihrer silbernen Hochzeit, aus der Zeitlichkeit geschiedene Frau Pastorin Seidentopf gegeben hatte. An der einen Längswand standen ein Sopha und ein Birkenmaserklavier, jenes hochlehnig, mit fünf harten großblümig überzogenen Seegraskissen, dieses auf schmalen ellenartigen Beinen, deren Dünne nur noch von der seines Tones übertroffen wurde. Dem Sopha gegenüber befand sich der „Jubiläumsschrank", in dem alles ein. Unterkommen gesucht und gefunden hatte, was bei Gelegenheit der mit seiner silbernen Hochzeit zusammenfallenden fünfundzwanzigjährigen Amtsführung unserem Seidentopf von Geschenken und Huldigungen dargebracht worden war. Außer dem Kranz und dem Ehrenpokal standen hier: zwei Blumenvasen mit Zittergras, ein Fidibusbecher, ein Album, eine Briefmappe, mit zwei großen Perlenarbeiten geschmückt, von denen die eine die Hohen-Vietzer Kirche, die andere die Sonnenburger Strafanstalt darstellte, an der unser Seidentopf einige Jahre lang amtirt hatte. Aus eben dieser Zeit her stammte auch ein kleines, aus Brotkrume geformtes Kruzifix, das, unscheinbar an sich selbst, in eben so unscheinbarer Umrahmung hart über der Sophalehne hing. Es war die Arbeit eines in Ketten geschlossenen, auf Lebenszeit verurtheilten Sträflings, der einfach um Beschäftigung willen beginnend, unter dem Thun seiner Hände sich zum gläubigen Christen herangebildet hatte. Turgany pflegte die Bemerkung daran zu knüpfen, daß es ein neuer Beweis sei, wie sich jeder seinen Gott und seinen Glauben schaffe; Seidentopf aber, weil hier sein Innerstes mitspielte, ließ sich in seinen entgegenstehenden Anschauungen nicht beirren, war vielmehr fest überzeugt, daß auch diesem Schächer das Wort erklungen sei: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein" und pries sich glücklich,
dies Brotkrumeukruzifix ans den Händen eines gläubig Sterbenden empfangen zu haben. Er sah es für nichts Geringeres als einen Talisman, oder um christlicher zu sprechen, als einen segenspendenden Hort seines Hauses an.
So war das Zimmer. Tante Schorlemmer nahm Platz aus dem Sopha, die beiden jungen Damen neben ihr, während die Herren um den Tisch herum den Kreis schlossen.
Man spielte nun: „Alles, was fliegen kann, fliege hoch," und schritt dann zur Einlösung der Pfänder.
Lewin, der am meisten verschuldet war, hatte „Steine zu karren", mußte „Brücke bann" und „Kette machen", während es dem Dolgelinischen Pfarrer zufiel, als „polnischer Bettelmann" sein Glück zu versuchen.
Endlich hieß es: „was soll der thun, dem dies Pfand gehört?"
„Schinken schneiden!" Es war ein Knüpftuch Maries. Diese erhob sich, trat in die Mitte des Zimmers und begann: „Schneide, schneide Schinken, wen ich lieb Hab, werd' ich winken." Dabei winkte sie dem Frankfurter Konrektor und bot ihm in voller Unbefangenheit ihren Mund. Othegraven, der sonst Gewalt über sich hatte, fühlte sein Blut bis in die Schläfe steigen. Er küßte ihr die Stirn; dann kehrten beide aus ihre Plätze zurück.
Außer Renaten hatte nur Turgany die flüchtige Verlegenheit Othegravens bemerkt.
Das letzte einzulösende Pfand, ein Notizbuch, gehörte Renaten, die nunmehr aufgefordert wurde, ein Lied zu singen. Sie war dazu bereit, aber wie immer entstand die Frage: was? Zum Glück lagen auf dem kleinen Birkenmaser-Klavier allerhand Noten aufgeschichtet, unter denen Renate zu suchen begann. Es waren Liederkompositionen, die, so weit der Text in Betracht kam, mit einer Art von gesellschaftlicher Diplomatie beiden Dichterschulen entnommen waren, die damals in beinahe unmittelbarer Nähe von Hohen-Vietz ihre Geburts-, jedenfalls ihre Pflegestätte hatten. Die eine Schule, vom Lokalstandpunkt aus 'angesehen, war die .Nieder-Barnimsche, die andere die Lebnsische, jene, die derb-realistische, durch Pastor Schmidt von Werneuchen, diese, die aristokratisch-romantische, durch Ludwig Tieck und den in Ziebingen ansässigen Mäcenatenkreis der Burgsdorffs und ihrer Freunde vertreten. Zwischen beiden Schulen suchte der Hohen-Vietzer Psarrherr, der es überhaupt mit Ausnahme der Semnonen zu keiner entschiedenen Parteinahme bringen konnte, nach Möglichkeit zu vermitteln, hatte abwechselnd Worte der Anerkennung für Werneuchen, Worte der Bewunderung für Ziebingen, und gab dieser seiner Halbheit, die, sobald es sich um kirchliche Fragen handelte, den Spott Miek- leys und Uhlenhorsts herausforderte, auch auf literarischem Gebiet durch Anschaffung heute des Schmidtschen „Kalenders der Musen und Grazien", morgen des Tieckschen „Zerbino" oder „Phantasus" Ausdruck. Uebrigens stammten die Klaviernoten meist noch aus der Zeit der verstorbenen Frau her, die selbst auf dem Barnim gebürtig, zugleich auch minder abwägend als ihr Eheherr, den Wernenchener Poeten um ein weniges bevorzugt hatte.
Renate, nachdem sie hin und her geblättert, wählte schließlich, um dem Suchen ein Ende zu machen, einige Pastor Schmidtsche Strophen, die sich an den Freund aller unglücklich Liebenden richteten „an den Mond". Der Ueberschrist war die Klammerbemerkung hinzugefügt: „Abends elf Uhr. am Fenster".
So manchen Abend traue' ich hier In stummer Liebe Leid;
In meiner Schwermuth blickst du dann Mich freundlich durch die Weiden an,
Daß mich's im Herzen freut.
Wenn doch, wie du, mein Mädchen mild,
Wie du so freundlich war'!
O such' sie, lieber Mondenschein Und schau ihr ernst ins Aug hinein Und mach' das Herz ihr schwer.
Renate, die das Lied in Text wie Composition zu kennen schien, sang es mit großer Sicherheit, aber zugleich auch mit jenem übertriebenen Aufwand von Stimme und Gefühl, wo-